Was deutsche Medien von Australiens Bränden lernen sollten
Brennt es am anderen Ende der Welt, sprechen deutsche Medien Klartext: Kohle, Emissionen, politische Versäumnisse. Zeigen sich die Folgen der Erderhitzung auf dem eigenen Kontinent, tun sich viele Redaktionen mit der Einordnung schwer.
Die Katastrophen in Europa reißen nicht ab. Bis Mitte August sind laut dem Europäischen Waldbrand-Informationssystem (EFFIS) mehr als 600.000 Hektar EU-Fläche verbrannt – mehr als doppelt so viel wie in den Jahren zuvor (im langjährigen Schnitt von rund 280.000). Auf deutschen Nachrichtenseiten ist davon heute kaum noch etwas zu sehen. So funktioniert das Nachrichtengeschäft: Was nicht akut brennt, verliert sofort an Bedeutung.
Im südlichen Australien herrscht derweil Winter – eine trügerische Ruhe, denn die nächste Buschfeuersaison steht bevor. Unvergessen sind die „Black Summer“-Buschfeuer von 2019/2020: mehr als 24 Millionen Hektar verbrannte Fläche, 33 Todesopfer durch die Flammen und Hunderte weitere durch Rauch. Mit Sorge blicken Beobachter auf die Nordhalbkugel und warnen: Das, was Australien seit Jahren durchmacht, ist nun auch in Europa bittere Realität.
Australien kennt die Warnsignale
Über den „Black Summer“ berichteten deutsche Medien damals intensiv und ordneten die Katastrophe umfassend ein: Sie thematisierten Australiens Kohleexporte und beschrieben das Land als „Klimasünder“, der nun selbst von den Folgen eingeholt werde. Wenn Wälder am anderen Ende der Welt brennen, fällt es Redaktionen offenbar leicht, die systemischen Ursachen konsequent zu benennen. Sobald sich die Folgen der Klimakrise vor der eigenen Haustür zeigen, weicht diese Klarheit einem auffälligen Zögern.
Der gemeinnützige Verein „Klima vor acht“ hat die ARD/ZDF-Berichterstattung im ersten Halbjahr 2026 untersucht: Der Anteil der Klima-Sendeminuten fiel auf einen historischen Tiefstand – 0,95 Prozent im Ersten, 0,82 Prozent im ZDF. Damit hat sich die Sendezeit gegenüber 2023 mehr als halbiert. Als Europa im Mai und Juni unter Rekordtemperaturen schwitzte, dauerte es demnach Tage, bis Sender und Verlage den menschengemachten Klimawandel überhaupt als Ursache benannten.
Auch bei den schweren Bränden in Europa schienen zahlreiche Redaktionen erst dann aufzuwachen, als die Flammen das Hohe Venn nahe der deutschen Grenze erreichten. Die Feuer in Spanien und Frankreich waren zunächst noch mit Schlagzeilen wie „Urlaubsparadies wird zur Feuerhölle“ verkauft. Diese Berichterstattung über die Rekord-Waldbrände in Südeuropa verengte das Ereignis – ohne tiefere Einordnung – zum logistischen Problem für Sommerurlauber.
Der „Black Summer“ als Lehrstück für Medien
Australien hat den „Black Summer“ mittlerweile aufgearbeitet, fundierte Studien ordnen die damaligen Berichterstattung ein. Eine Untersuchung der Monash-Universität fand: Nur 29 Prozent der Berichte diskutierten den Klimawandel eingehend, gerade einmal 16 Prozent zogen eine direkte Verbindung zur Erderhitzung. Verantwortlich war zum großen Teil das marktdominierende News-Corp-Imperium von Rupert Murdoch, das verschiedene Framings nutzte, die den Blick auf die Fakten verschoben:
- „Nothing new“: Die nationale Zeitung „The Australian“ argumentierte am letzten Tag des Jahres 2019 etwa, die aktuelle Lage sei „nichts Neues“. Während Bilder von Menschen umgingen, die vor den Flammen ins Meer geflohen waren, machte das Blatt mit traditionellen Neujahrs-Pferderennen auf der Titelseite auf. Moderatoren des Senders Sky News warnten parallel vor „Klima-Hysterie“.
- „It’s their fault“: Konservative Medien betonten gebetsmühlenartig Brandstiftung als Hauptursache. Datenanalysen wiesen parallel eine massive Online-Kampagne von Bots unter dem Hashtag #ArsonEmergency nach. Dies verschob den Fokus weg von der eigentlichen Kausalkette: den klimatischen Bedingungen, unter denen ein einzelner Funke erst zum unkontrollierbaren Megafeuer eskaliert.
- „It’s not global warming“: Geleugnet wurde die Klimakrise laut den Forschenden in fünf Prozent der Berichterstattung. Kolumnisten zweifelten die Berechnungen des staatlichen Wetterdienstes an. Sie warfen der Behörde vor, Temperaturdaten zu manipulieren, um den Sommer künstlich als Rekord darzustellen.
- „There’s no hope/It’s not us“: Klimaschutz bringe wenig und koste zu viel. „The Australian“ ließ den damaligen Energieminister Angus Taylor unwidersprochen argumentieren, dass Australien mit nur 1,3 Prozent der globalen Emissionen ohnehin keine globale Wirkung erzielen könne.
Demgegenüber standen einige andere Medien, die unermüdlich Aufklärung betrieben. Der Guardian etwa hat die Klimakrise schon lange als Dimension und nicht nur als Thema begriffen; auf seiner Homepage widmet das Medium der „Klimakrise“ einen eigenen Reiter und eine prominente Themenbox. Die öffentlich-rechtliche ABC ließ Betroffene, Feuerwehrleute und die Wissenschaft zu Wort kommen. Der Desinformation wurden Faktenchecks und anschaulich aufbereitete Datenberichte entgegengestellt. Internationale Blätter wie die New York Times deckten zudem auf, dass die News-Corp-Berichterstattung dazu diente, die damalige konservative Regierung unter Scott Morrison und ihre fossile Agenda zu schützen.
Aufarbeitung ohne Konsequenzen?
Der Druck aus der Bevölkerung war schließlich so hoch, dass die Verharmlosungs-Kampagnen im Laufe der Krise Risse bekamen und in sich zusammenbrachen. Selbst Rupert Murdochs Sohn James und dessen Frau Kathryn kritisierten in einer öffentlichen Erklärung im Januar 2020 die Berichterstattung bei News Corp.
Die politische Aufarbeitung, die später folgte, ließ dennoch zu wünschen übrig. Eine Royal Commission wertete Zeugenaussagen und Zehntausende Dokumente aus. Während ein Großteil der Empfehlungen umgesetzt wurde, etwa zum Katastrophenmanagement und zu Frühwarnsystemen, fehlte jedoch eine explizite Empfehlung zur Reduktion von Treibhausgasemissionen im Abschlussbericht. Der ehemalige UN-Sonderbeauftragte für Katastrophenvorsorge, Robert Glasser, kritisierte dies in einem Beitrag bei The Conversation als „glaring omission“, eine eklatante Leerstelle.
Desinformation schneller als Feuer
Australien zeigt, was passieren kann, wenn Desinformation den Diskurs prägt: Laut einem Bericht des Guardian verbreiteten sich Lügen im „Black Summer“ schneller als die Buschfeuer selbst. Die deutsche Medienlandschaft ist strukturell kaum mit der australischen zu vergleichen. Und doch zeigen sich Parallelen, denen Nachrichtenredaktionen bewusst entgegenlenken sollten. Mit dem Erstarken rechter und demokratiefeindlicher Kräfte ist auch Europa vor solchen Grabenkämpfen nicht gefeit; wie tief diese Gräben verlaufen können, hat schon die Corona-Pandemie gezeigt.
Auch bei der Berichterstattung über die Klimakrise und ihre Folgen gilt: Wer nicht aufklärt, überlässt das Feld genau jenen Kräften, die von Verwirrung, Verharmlosung und Aufschiebung profitieren. brandmelder analysierte erst kürzlich, wie deutsche Klimaskeptiker und Rechts-außen-Medien einen neuen Bericht des Weltklimarats (IPCC) für ihre Zwecke missbrauchten. Das Muster ähnelt denen, die in Australien zu beobachten waren. Die Kolumnistin Kristina Schröder deutete etwa in der Welt eine fachliche Anpassung der Treibhausgas-Szenarien so um, als sei die Erderhitzung weniger bedrohlich als wissenschaftlich erwiesen.
Medien: Nachhaken, bevor die Debatte endet
Auch in den sozialen Medien hat sich hier zulande schon längst das Narrativ der „Klimalüge“ verfangen, verbreitet wird es teils von dubiosen Accounts, aber auch von AfD-Politikern. Das Argument, ein Wald entzünde sich nicht von selbst, ist zwar nicht falsch. Es greift aber zu kurz, wenn Zeitungsberichte auf menschliches Fehlverhalten als Ursache hinweisen – ohne die klimatischen Bedingungen aufzuzeigen, die aus einem Funken erst den schwersten Waldbrand in der Geschichte Nordrhein-Westfalens machten.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich mittlerweile geäußert: „Wir werden alles tun, um den Klimawandel zurückzudrängen“, sagte er beim Besuch im Waldbrandgebiet in der Eifel. Eine starke Rhetorik, doch was unternimmt seine Regierung konkret? Genau jetzt sollten Redaktionen unnachgiebig nachfragen, und das, was er verspricht, an den Entscheidungen und Taten seiner Regierung messen. Auch, damit das Thema nicht wieder aus der öffentlichen Debatte verschwindet, bevor es überhaupt aufgearbeitet wurde. Wie in einem Kommentar der taz jüngst zu lesen war, vergeht das mediale und politische Interesse im Herbst „so sicher wie das deutsche nasskalte Herbstwetter“. Auch milde, stürmische Wintermonate seien eine Folge der Klimakrise, schreibt der Autor, nur würden sie selten so bedrohlich wahrgenommen wie ein heißer Julitag.