Das Ende des Worst Case ist keine Entwarnung
Das schlimmste Klimaszenario gilt nicht mehr als plausibel – weil erneuerbare Energien und Klimapolitik gewirkt haben. Kristina Schröder zieht daraus den Schluss, Deutschland solle seine Klimaziele aufweichen. Eine Analyse.
Sechs Wochen liegen zwischen der Nachricht und der inszenierten Empörung: Am 7. April 2026 veröffentlichte die internationale Forschungsgruppe, deren Szenarien als Grundlage für den Weltklimabericht dienen, ihr neues Rahmenwerk.
Am 17. Mai 2026 postete US-Präsident Donald Trump auf Truth Social, der Weltklimarat habe zugegeben, seine Klimaprojektionen seien „FALSCH! FALSCH! FALSCH!“ gewesen. Am selben Tag erschien in der Tageszeitung „Die Welt“ eine Kolumne der CDU-Politikerin Kristina Schröder mit dem Titel „Die Apokalypse fällt aus“ – verbunden mit der Forderung, Deutschland solle sein Klimaziel auf „näher an 3 Grad“ anheben. Im Onlinemagazin „Tichys Einblick“ erschien ein Artikel unter dem Titel „Die ganz große Klimaverlade“, in dem gefordert wird, die gesamte Klimapolitik müsse rückgängig gemacht werden, einschließlich des Klimabeschlusses des Bundesverfassungsgerichts. Und drei Tage später befasste sich auf Antrag der AfD der Bundestag in einer Aktuellen Stunde mit den „Konsequenzen für die Klimapolitik der Bundesregierung“.
Legitime wissenschaftliche Aktualisierung
Der Inhalt des neuen Rahmenwerks, erschienen im Fachjournal Geoscientific Model Development: Das bisherige Hochemissionsszenario SSP5-8.5 gilt nicht mehr als plausibler Standardpfad. In den Worten der Autor*innen: „For the 21st century, this range will be smaller than assessed before: on the high-end of the range, the CMIP6 high emission levels (quantified by SSP5-8.5) have become implausible“. Am oberen Ende der Bandbreite ist das Worst-Case-Szenario unplausibel geworden. Insgesamt ist die Bandbreite kleiner geworden – auch eine wichtige Aussage.
Die Begründung für die Neubewertung ist präzise und für die Klimadebatte eine gute Nachricht: Gesunkene Kosten für erneuerbare Energien, zunehmende Klimapolitik und veränderte Emissionstrends haben den Extrempfad unwahrscheinlich gemacht. Das ist eine legitime wissenschaftliche Aktualisierung.
„Unverantwortlich und durchschaubar“
Was Trump, Schröder, Tichy und AfD daraus machen, hat damit wenig zu tun und folgt einem Muster, das Klimaforscher Niklas Höhne vom New Climate Institute direkt benennt: „Es ist aus meiner Sicht unverantwortlich und auch durchschaubar, wie Klimaskeptiker, Rechts-außen-Medien und auch die Trump-Regierung diese Lage für ihre eigenen Zwecke missbrauchen.“ Höhne kommentiert weiter: „Klimaschutz hat gewirkt. Die erneuerbaren Energien sind jetzt so stark, dass ein unendliches Wachstum der fossilen Energien ausgeschlossen werden kann.“ Die Wissenschaft habe also nicht falsch gelegen oder hätte gar Hysterie verbreitet. „Die Wissenschaft hat mögliche zukünftige Entwicklungen an die geänderte Realität angepasst“, so Höhne.
Schröder schreibt in ihrem „Welt“-Artikel, „maßgebliche Berechnungen“ zur Begründung von Klimaschutz hätten auf RCP8.5 basiert. Die eigentliche Erklärung für die Revision spart sie aus: Das Extremszenario wurde unplausibel, gerade weil Klimaschutzmaßnahmen ihre Wirkung entfaltet haben. „Daraus abzuleiten, dass die Klimawissenschaft sich selbst widerlegt hat, ist jedoch eindeutig falsch“, bringt es Johannes Emmerling vom RFF-CMCC European Institute on Economics and the Environment auf den Punkt. Vielmehr habe sich im vergangenen Jahrzehnt dank politischem Momentum, technologischem Fortschritt und ökonomischen Anreizen schon einiges bewegt, um zumindest dieses Worst-Case-Szenario zunehmend unrealistisch erscheinen zu lassen.
Irreführendes Zitat
Schröder suggeriert des Weiteren, das Horrorszenario sei „als falsch enttarnt“ worden. Das ist eine Kategorienverwechslung. Diana Rechid, Leiterin der Abteilung Regionaler und Lokaler Klimawandel am Climate Service Center Germany, benennt dieses Missverständnis: Das heißt nicht, dass „es physikalisch unmöglich ist“. Die für dieses Szenario durchgeführten Klimasimulationen blieben, so Rechid, nach wie vor wissenschaftlich wertvoll: für Hochrisikoanalysen, Stresstests kritischer Infrastrukturen und die Bewertung von Anpassungsgrenzen.
Schröder zitiert den IPCC-Leitautor Jochem Marotzke, um zu suggerieren, selbst führende Klimawissenschaftler wiesen auf die Übertreibung hin. Marotzkes Aussage, Überlebensängste junger Menschen seien „komplett unbegründet“, bezieht sich auf die Kommunikation von Extremszenarien als Normalfall – nicht auf eine Entwarnung in Sachen Klimapolitik. Das zeigt Marotzke selbst: In einem Interview mit der Märkischen Oderzeitung warnt er vor Klimafatalismus und mahnt, es wäre „fatal“, wenn die Menschen den Glauben an die Notwendigkeit von Klimaschutz verlören. Denn es werde immens wichtig bleiben, die weitere Erderwärmung zu verhindern. Marotzke verwendet das Wort „fatal“ also für genau den Vertrauensverlust in den Klimaschutz, den Schröders Kolumne befördert.
Wahrscheinlichkeit von Kipppunkten heute höher
Zudem leitet Schröder aus ihrer Argumentation ab, man könne die Klimaziele insgesamt zurückfahren. Ein neues Ziel „dürfte näher an 3 Grad“ liegen. Dies ist ein gefährlicher Fehlschluss. „Die Abschaffung des Worst-Case-Szenarios ist aber keineswegs Entwarnung“, widerspricht Höhne in seiner Stellungnahme. Die Wissenschaft gehe heute von sehr viel gravierenderen Auswirkungen für ein bestimmtes Temperaturniveau aus als noch vor zehn Jahren. Insbesondere die Wahrscheinlichkeit von Kipppunkten sei heute erheblich höher. „Damit sind die Auswirkungen des aktuellen Szenarios mit den höchsten Emissionen in etwa so gravierend, wie es vor zehn Jahren vom Worst-Case-Szenario erwartet wurde“, sagt Höhne. Der neue obere Rand ist weniger extrem in den Emissionen, aber die Klimafolgen pro Grad Erwärmung werden ernster eingeschätzt als früher.
Auch nicht ganz nachvollziehbar ist, ob Kristina Schröder sich mit den Klimafolgen einer 3-Grad-Welt, die sie hinzunehmen bereit scheint, tiefer auseinandergesetzt hat. Der letzte IPCC-Bericht ist eindeutig: 3°C Erwärmung bedeuten drastisch häufigere Extremwetterereignisse, massive Risiken für Ernährungssicherheit und Küstenregionen sowie das mögliche Überschreiten mehrerer Kipppunkte im Erdsystem. Zwischen 2 und 3°C Erwärmung könnten der westantarktische und der grönländische Eisschild langfristig fast vollständig und irreversibel abschmelzen, das Aussterberisiko von Arten steigt überproportional bei einer Erwärmung von 1,5 auf 3°C – um nur einige der drastischen Klimafolgen in einer 3-Grad-Welt zu nennen.
Auch das beste Szenario ist unwahrscheinlicher geworden
Die Schlussfolgerung eines 3-Grad-Ziels folgt auch nicht aus dem aktuellen Fachartikel. Detlef van Vuuren, Hauptautor der Studie, warnt davor gegenüber De Volkskrant: Die Folgen einer Erwärmung um 3,5 Grad seien im Vergleich zu einem 5-Grad-Szenario „schon schlimm genug“ – und wer zu wenig gegen Emissionen unternehme, komme automatisch noch auf noch höhere Werte. Nur geschehe das erst später, nach 2100, so van Vuuren. Einmalige Investitionen in Klimaschutz lassen sich also nur schwer gegen laufend wachsende Klimakosten aufwiegen.
Was von den Wortführern gegen Klimaschutz keine Erwähnung findet: Es wurde nicht nur RCP8.5 für unplausibel erklärt Auch die Annahme besonders niedriger Emissionsverläufe ist laut Studie inzwischen nicht im Einklang mit den beobachteten Trends seit 2020. Ein zeitweiliges Überschreiten von 1,5 Grad gilt als unvermeidlich. Also ist auch eine Zukunft, in der die Menschheit ohne beträchtliche Klimaschäden davonkommt, zunehmend unwahrscheinlich.
Rechnung ohne Klimafolgekosten
Hinzu kommt eine wirtschaftspolitische Vereinfachung, die symptomatisch für den gesamten Artikel ist. Schröder listet detailliert Kosten des Klimaschutzes auf: 500 bis 1000 Milliarden Euro für die Energiewende, Gewinnrückgänge der Autohersteller. Nur: Die andere Seite der Gleichung fehlt vollständig. Eine Kosten-Nutzen-Analyse, die diesen Namen verdient, müsste die Klimafolgekosten gegenrechnen.
Die andere Seite der Gleichung ist gut dokumentiert. Laut der BMWK-Studie (IÖW/GWS/Prognos, 2023) summierten sich die messbaren Klimaschäden in Deutschland seit 2000 auf 145 Milliarden Euro – allein seit 2018 waren es 80 Milliarden. Bis 2050 könnten die kumulierten volkswirtschaftlichen Schäden bereits im klimatisch günstigsten Szenario rund 280 Milliarden Euro erreichen, die jährlichen Kosten im Jahr 2050 lägen bei 20 bis 70 Milliarden Euro. Eine aktuellere GWS-Analyse (2026) schätzt den Wertschöpfungsverlust für Deutschland bis 2050 auf rund 470 Milliarden Euro – bei unambitionierter Klimapolitik. Deloitte beziffert die gesamtwirtschaftlichen Schäden für Deutschland bei einer Erwärmung um 3 Grad auf 730 Milliarden Euro bis 2070. Und das DIW Berlin bestätigt diese Größenordnungen und berechnet Nutzen-Kosten-Verhältnisse für Klimaschutzmaßnahmen zwischen 1,8 und 4,8 – jeder investierte Euro zahlt sich also mehrfach aus. All diese Zahlen erfassen nur monetär messbare Schäden: Todesfälle durch Hitze, Ökosystemverluste und geopolitische Folgekosten bleiben außen vor.
Fatale Abhängigkeit von Fossilen
Hinzu kommt, dass der Energiepreis-Anstieg nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, den Schröder als Teil der klimaschutzbedingten Deindustrialisierung einordnet, vor allem auf jahrzehntelanger Abhängigkeit von fossilem Gas beruhte – also auf dem Versäumnis, früher in Erneuerbare zu investieren. Mehr Klimaschutz wäre die Versicherung gegen genau dieses Risiko gewesen.
Der Mechanismus, der mit diesem Beitrag bedient wird, dürfte publizistisch wirkungsvoll sein: Leser*innen des „Welt“-Artikels erhalten den Eindruck, die Klimaforschung vollziehe eine notwendige Kehrtwende. Tatsächlich vollzieht sie eine Präzisierung. Und zwar eine, die aus dem Fortschritt der Klimapolitik folgt, den Schröder abzuschaffen gedenkt.