Ein Podcast offenbart das Geschäft mit dem Klima-Zweifel
Hier kommt eine ziemlich persönliche Lobrede auf „REICH“, den neuen Podcast der ARD-Klimaredaktion – und bei der Gelegenheit ein informeller Zwischenruf aus dem Maschinenraum der öffentlich-rechtlichen Klimaberichterstattung.
Erstmal das Fan-Bekenntnis: „REICH – Das Geschäft mit dem Zweifel“ ist aus meiner Sicht ein Top-Podcast: packend, lustig, traurig, informativ. In den fünf jeweils rund 40-minütigen Folgen geht es um fiese, zynische PR-Strategen, allen voran den US-Amerikaner Rick Berman, der im Auftrag und mit dem Geld der Alkohol-, der Tabak und der Ölindustrie im ganz großen Stil Menschen diskreditiert, Fake News verbreitet und Zweifel sät. Und um Leute, die in den Strudel dieser Machenschaften hineingezogen werden – und sich teils heroisch wehren. Ganz großes Storytelling, man geht total mit als Hörerin. Ich jedenfalls. Obwohl oder vielleicht auch gerade weil ich als Klimajournalistin über diese Dinge vorher im Prinzip schon Bescheid wusste – aber eben abstrakt, ohne konkrete menschliche Stimmen und Charaktere vor dem inneren Auge zu haben.
Und jetzt die Befangenheitserklärung: ‚Klar sagt die das‘, könnte man nämlich einwenden – schließlich arbeite ich für die ARD-Klimaredaktion. Und die hat „REICH“ in Auftrag gegeben.
Podcast von Produktionsfirma
Aber dazu muss man ein paar Dinge wissen. Erstens: Wir Normalo-ARD-Mitarbeitende, die Tag für Tag mit viel Herzblut versuchen, journalistisch möglichst sauber und gut und interessant zu berichten, finden es per se erstmal gar nicht so toll, wenn Sendungen oder Podcasts – so wie auch „REICH“ – bei externen Produktionsfirmen in Auftrag gegeben werden. Weil wir, finden wir, doch selbst viel journalistisches und Podcast- und in unserem Fall Klima-Knowhow versammeln in der ganzen ARD.
Gleichzeitig ist „REICH“ als Podcast der ARD-Klimaredaktion natürlich irgendwie trotzdem auch „mein“ Podcast. Deswegen bin ich, obwohl inhaltlich unbeteiligt, nicht nur Fan, sondern gleichzeitig auch ein bisschen mit stolz darauf. Noch komplizierter wird die Sache dadurch, dass ich beim Hessischen Rundfunk (hr) nicht fest angestellt, sondern freie Mitarbeiterin bin – wie fast alle übrigens, die beim hr im Tagesgeschäft inhaltlich-journalistisch arbeiten (bei vielen anderen Landesfunkhäusern ist das zumindest ähnlich). Auch deshalb nehme ich mir übrigens heraus, diesen Text zu schreiben – ich bin trotz meiner Arbeit für den Hessischen Rundfunk und die ARD-Klimaredaktion freie, selbstständige Journalistin. So viel zum Kontext und als Befangenheits-Disclaimer.
Nochmal zurück zu „REICH“. Warum ich persönlich den Podcast mit so viel Gewinn gehört habe: Weil er Antworten liefert auf DIE Frage, die vermutlich nicht nur bei mir, sondern bei allen Klimajournalist*innen und bei all den anderen Millionen Menschen, für die Klima beruflich und privat ein Thema ist, immer irgendwo präsent ist: Wie zum Henker konnte es so weit kommen? Wie zum Henker sind wir als Menschheit, als Weltgemeinschaft sehenden Auges so weit reingeschlittert in die Krise?
Erschreckende Antworten
Die Antworten, die der Podcast gibt, sind augenöffnend, sie sind erschreckend, sie sind traurig. Und erhellend im besten Sinn. Für jüngere Menschen, die in den Achtzigern, als das Thema so richtig aufkam, noch gar nicht geboren waren. Und erst recht für Menschen wie mich (Jahrgang 1980) und älter. Ich konnte die Ereignisse im Podcast abgleichen mit meiner eigenen Biografie. Die Zuversicht der 80er Jahre, dass man das Problem mit dem Klima schon in den Griff bekommen würde. George Bush senior, der 1988 im Wahlkampf verspricht, den Kampf gegen die Erderwärmung aufzunehmen und dass in dieser Sache der „white house effect“ den „greenhouse effect“ schlagen werde (George Bush senior! Republikaner!! Klar pro Klimaschutz!!! 1988!!!!).
Ich war da gerade in der zweiten Klasse. Und das Thema kam kurz darauf auch bei mir an, vielleicht nicht in der zweiten, aber doch in der vierten oder fünften Klasse. Meine Mutter war Englischlehrerin an der Realschule und hatte den Ehrgeiz, mit ihren Neunt- und Zehnklässlern im Englischunterricht jeweils aktuelle politische und gesellschaftliche US-Debatten aufzugreifen. So hörte ich am Esstisch von der Erderwärmung – gegen die aber ja offenbar auch etwas getan werden sollte, also kein Grund zur Panik für mich als 10- oder 11-Jährige. Dann kamen bei mir andere Dinge: Pubertät, Abi, Studium, die Anfänge als Journalistin, die Kinder. Das Thema Klima lief immer mit, und es wurde immer beunruhigender. Und gleichzeitig irgendwie immer schwammiger, unklarer, schwerer zu packen.
Die Verunsicherungs-Maschine wirkt
Der Podcast erzählt ziemlich eingängig, woran das zu einem großen Teil liegt, was nämlich parallel zu meinen Teenie-Jahren, meinen Zwanzigern und Dreißigern, ausgehend von den USA geschah: Rick Berman und Konsorten setzten in Sachen Klima eine riesige Verunsicherungs-Maschinerie in Gang. Und deren Auswirkungen, und das begreift man so gut beim Hören des Podcasts, spüre ich und spüren Millionen andere jeden Tag. Angst, Wut und Verunsicherung müsse man schaffen, um die Klimapolitik auszubremsen, hört man PR-Mogul Berman im Podcast erklären, in einer offenbar geheim mitgeschnittenen und nach draußen gespielten Aufnahme eines vertraulichen Treffens mit interessierten Konzern-Vertretern. Angst, Wut und Verunsicherung. In den USA, muss man einfach konstatieren, ist das voll aufgegangen.
Und bei uns in Europa? Teilweise auch. Ich bin überzeugt: Das Schwammige, Unklare, Komplizierte, das dem Thema Klima anhaftet, ist zu einem Großteil ein Ergebnis der Bemühungen von Rick Berman, beziehungsweise „vieler kleiner Rick Bermans“, wie Janne Knödler an einer Stelle im Podcast sagt. Es sorgt dafür, dass sich die Arbeit als Klimajournalistin oft anfühlt, wie durch einen Sumpf zu waten: so verdammt zäh.
Ich hatte das Thema Klima nie ganz aus den Augen verloren, auch journalistisch. Seit 2022 bin ich ausschließlich Klimajournalistin. 2024 nahm die ARD-Klimaredaktion, zu der ich gehöre, dann offiziell ihre Arbeit auf. Einerseits toll, dass es sie, dass es uns, gibt. Die ARD-Klimaredaktion bzw. das ARD-Kompetenzcenter Klima, so der offizielle ARD-interne Name, wird von SWR, MDR und hr gemeinsam gemanagt und vernetzt Klima-Redaktionen in der ganzen ARD. Viele von uns sind extrem motiviert, es entsteht wirklich gute Berichterstattung.
Klima ist kein Special-Interest-Thema
Gleichzeitig ist das Klima und alles was damit zusammenhängt dadurch bequem eingekastelt innerhalb der ARD, als eine Art Special-Interest-Thema, nach dem Motto: Die Klimaredaktion macht Klima, dann kann die Innenpolitik-Redaktion weiter Innenpolitik machen und die Wirtschaftsredaktion Wirtschaft. Nur so ist zu erklären, was Jürgen Döschner hier im brandmelder zuletzt beklagt hat: Dass es kürzlich im 25-minütigen Sommerinterview mit Bundeskanzler Friedrich Merz an keiner Stelle ums Klima ging.
Ich kann mir nur wünschen, dass sich möglichst viele ARD-Kolleg*innen und vor allem Entscheider*innen „REICH“ anhören. Auch um dann vielleicht ein bisschen besser gefeit zu sein gegen die gängigsten von Berman und Co. mit Geldern der fossilen Industrie gezielt in die Welt gesetzten und verbreiteten Narrative: Dass Erneuerbare Energien per se unzuverlässig seien. Dass Klimaschutz teuer und kein Klimaschutz billiger wäre. Oder zusammenfassend: Dass „Klima“ irgendwie suspekt, elitär, kompliziert, teuer und eine Art Sonderweg wäre. Und Öl, Gas und Kohle dagegen günstig und irgendwie „normal“. So ist es nicht. Die Fakten sind andere. Fragt mal die ARD-Klimaredaktion.
„REICH – Das Geschäft mit dem Zweifel“: zu hören bei ARD Sounds und den gängigen Podcast-Anbietern.