„Dieses Sommerinterview war eine Provokation“
Nach dem tödlichsten aller Sommer stellt ARD-Journalist Markus Preiß dem Kanzler keine einzige Frage zur Klimakrise. Doch das Versagen der ARD ist nur der Höhepunkt des Versagens der meisten Medien im Umgang mit diesem Extremsommer, der Klimakrise und dem Schweigen des Kanzlers dazu.
Nach mehreren unsouveränen Auftritten des Kanzlers durfte man gespannt sein auf das „Sommerinterview“ der ARD mit Friedrich Merz am letzten Sonntag. Doch der CDU-Vorsitzende schlug sich im gesetzten Rahmen watteweicher Fragen selbst für seine Verhältnisse recht gut. Blamiert haben sich diesmal eher der Interviewer, Markus Preiß, und die ARD.
Wie kann es sein, dass nach einem Sommer mit extremer Hitze, anhaltender Trockenheit, Waldbränden, Niedrigwasser, Ernteausfällen und mindestens 15.800 hitzebedingten Sterbefällen dem Bundeskanzler nicht eine einzige Frage zur Klimakrise gestellt wird?
Zumal Merz selbst vor einigen Tagen dem Leiter des ARD-Hauptstadtstudios den Ball auf den Elfmeterpunkt gelegt hatte. Nicht nur, dass der Kanzler die Bedeutung des Hitze-, Dürre- und Brandsommers schon dadurch anerkannte, dass er seinen ersten Auftritt nach dem dreiwöchigen Urlaub nach Hürtgenwald legte, dem Ort mit dem größten Flächenbrand in der Geschichte von NRW.
Er setzte auch noch einen drauf, indem er diese Brände ausdrücklich als Folge des Klimawandels bezeichnete und wörtlich erklärte: „Wir werden alles tun, um den Klimawandel zurückzudrängen, aber wir müssen auch mit dem Klimawandel leben.“
Die sich daraus ergebenden Fragen liegen auf der Hand: Was genau will seine Regierung tun, um den Klimawandel zurückzudrängen? Und was wird sie unternehmen, um die Bevölkerung und die Wirtschaft besser vor seinen inzwischen unvermeidlichen Folgen zu schützen? Erstens: „Können Sie uns drei Maßnahmen nennen, die Sie als erste veranlassen, um den Klimawandel zurückzudrängen?“ Und zweitens: „Was werden Sie unternehmen, um die Bürger*innen und die Wirtschaft vor den Folgen des Klimawandels zu schützen?“
Markus Preiß stellte keine.
Friedrich Merz hatte zuvor über Wochen zum Extremsommer dieses Jahres und dessen Folgen geschwiegen. Gerade deshalb war das letzte ARD-Sommerinterview des Jahres die Gelegenheit, den Kanzler damit zu konfrontieren. Dass er in diesem, dem letzten „Sommerinterview“ des Jahres, weiter dazu geschwiegen hat, kann man allerdings zumindest nicht ihm allein anlasten. Markus Preiß hat schlicht nicht danach gefragt.
Das Sommerinterview vom 30. August war eine Provokation und ein Schlag ins Gesicht aller bisherigen und künftigen Opfer der Klimakrise. Aber es war zugleich nur der Höhepunkt des großen Versagens der meisten Medien in diesem Extremsommer.
Hätten die großen Medien angemessen, also anhaltend, klar und deutlich über die physikalischen Zusammenhänge zwischen Hitze, Dürre, Bränden und Wassermangel einerseits und dem menschengemachten Klimawandel hingewiesen, hätten sie ebenso angemessen die Verantwortung von Regierung und Wirtschaft für diesen Klimawandel immer wieder adressiert – ich bin sicher, dann hätte sich Friedrich Merz nicht so lange hinter seinem Klimaschweigen verstecken können. Dass die meisten Medien über das letzte ARD-Sommerinterview berichten, ohne das Schweigen von Preiß und Merz zum Katastrophen-Sommer 2026 auch nur zu registrieren, belegt, wie weit die Klimaignoranz in vielen (Chef-)Redaktionsstuben verbreitet ist.
Es bleibt die Frage nach dem Warum. Warum hat Markus Preiß am Sonntagabend die Klimakrise, DAS Thema der letzten Monate, so konsequent vermieden? Warum hat er die mindestens knapp 16.000 Hitzetoten nicht einmal mit einem Wort erwähnt? Warum hat er stattdessen sogar den Kanzler gefragt, ob man für niedrigere Energiepreise die Kohlekraftwerke vielleicht noch länger laufen und die Spritpreise noch höher subventionieren könnte?
Besonders erklärungsbedürftig ist, warum Markus Preiß eine Woche zuvor dem AfD-Vorsitzenden Chrupalla geschlagene sieben Minuten gewährte, seine kruden und wissenschaftlich unhaltbaren Thesen zur Klimakrise abzusondern, aber dem amtierenden Kanzler im politischen Leitinterview des Sommers keine einzige Frage zu dem Thema stellte. Warum lässt sich der Journalist diese naheliegende Gelegenheit entgehen?
Wir wissen nicht, was den Chef des ARD-Hauptstadtstudios zu dieser Entscheidung bewogen hat. Was wir allerdings wissen: Dem Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zur Abbildung der Wirklichkeit, zur Wahrung und zum Schutz der Demokratie und unserer Lebensgrundlagen hat dieses „Sommerinterview“ mit Friedrich Merz nicht entsprochen.