Wie der Kölner Stadt-Anzeiger Shell auf den Leim ging
Eine ganze Seite für den Klimaschutz – eigentlich ein Grund zur Freude. Doch beim Shell-Wasserstoffprojekt in Wesseling übernahm der Kölner Stadt-Anzeiger nicht nur fragwürdige PR-Narrative, sondern rechnete das Projekt auch noch künstlich groß.
Wow! Auf den ersten Blick ist man beeindruckt. Der Kölner Stadtanzeiger (KStA) widmete sich Ende März in ungewöhnlicher Ausführlichkeit den kommenden Wasserstoff-Projekten in NRW – wobei ein Projekt des Ölkonzerns Shell als Aufhänger diente. Im Print lief dieser Artikel ganzseitig unter der Überschrift „Milliarden für eine klimaneutrale Zukunft“. Es kommt in diesen Zeiten selten vor, dass eine Regionalzeitung so viel Platz fürs Klima freiräumt – und dann auch noch für einen Öl-Konzern, der den Klimawandel bekanntermaßen jahrzehntelang leugnete.
Doch der Eindruck täuscht. Bei näherem Hinsehen stellt er sich als komplett falsch heraus. Denn Shell investiert sein Geld (Millionen, nicht Milliarden, wie es immerhin in der Überschrift der Online-Version richtig heißt) keineswegs in „klimaneutrale Zukunft“, sondern in die fossile Vergangenheit. Es handelt sich um ein klassisches Beispiel dafür, wie Medien/Journalist*innen dem Greenwashing der fossilen Industrie auf den Leim gehen.
Worum es eigentlich geht
Der britische Konzern Shell plc ist einer der größten Mineralölkonzerne der Welt. Seine deutsche Tochter betreibt in der Nähe von Köln im „Energy and Chemicals Park Rheinland“ die größte Raffinerie Deutschlands. Dort wurden bis 2025 jährlich bis zu 17 Millionen Tonnen Rohöl zu Benzin, Diesel und anderen Produkten verarbeitet. Im vergangenen Jahr hat Shell die Rohöl-Verarbeitung im Werksteil Wesseling geschlossen, wodurch die Verarbeitungskapazität auf knapp zehn Millionen Tonnen sank.
In Wesseling hat Shell nun mit dem Bau einer großen Anlage für die Produktion von „grünem Wasserstoff“ begonnen. Für das Unternehmen ein wesentlicher Teil eines Konzernumbaus, in dessen Verlauf sich der Mineralöl-Riese „neu erfinden“ und zum „Vorreiter der Energiewende“ werden will. Ja, tatsächlich bezeichnet sich der Mineralölkonzern selbst so – und die große H2-Anlage soll das untermauern. Ab 2027 soll die Anlage mittels Strom aus erneuerbaren Quellen rund 16.000 Tonnen Wasserstoff jährlich produzieren.
Das klingt nach Aufbruch, doch dieser Wasserstoff ersetzt keineswegs fossile Brennstoffe wie Benzin oder Diesel. Er wird nahezu ausschließlich dazu verwendet, diese überhaupt erst herzustellen. Der Stadtanzeiger erwähnt zwar in seinem Artikel, dass Shell den Wasserstoff „für den Betrieb der eigenen Raffinerie“ und damit für die Herstellung von Diesel und Benzin nutzt. Doch eine klimapolitische Einordnung dieser absurden Tatsache findet sich in dem Artikel nicht.
Die Realität: Weniger als ein Prozent Einsparungen
Dies ist aber nicht das einzige Fragezeichen, das man hinter das „klimaneutral“ der Shell-Zukunft setzen muss. Denn auch der tatsächliche CO₂-Einsparungseffekt durch den Ersatz von „fossilem Wasserstoff“ durch „grünen Wasserstoff“ ist minimal. Schließlich sollen – vorerst – nur zehn Prozent des in den Rheinland-Raffinerien von Shell benötigten Wasserstoffs ersetzt werden.
Die wahre Dimension des Wasserstoff-Greenwashings von Shell eröffnet sich zudem erst, wenn man die durch den „grünen Wasserstoff“ erhofften Einsparungen ins Verhältnis zu anderen Emissionen setzt, für die Shell allein in dieser Region verantwortlich ist. 160.000 Tonnen CO₂ sollen durch den klimaneutral erzeugten Wasserstoff in der Produktion fossilen Treibstoffs eingespart werden. Dem stehen rund 18 bis 19 Millionen Tonnen CO₂ gegenüber, die durch die Verbrennung der im Rheinland produzierten geschätzt neun Millionen Tonnen fossiler Treibstoffe freigesetzt werden (Scope-3-Emissionen). Das sind nicht einmal ein Prozent der Gesamtemissionen, die Shell mit der Herstellung und dem späteren Verbrennen seiner fossilen Brennstoffe aus diesem Werk verursacht. „Klimaneutrale Zukunft“ sieht anders aus.
Die meisten dieser Zusammenhänge und Fakten findet man in dem Artikel des Kölner Stadtanzeigers leider nicht. Dabei hätte es bei einem ganzseitigen Artikel mehr als genug Platz dafür gegeben. Stattdessen gibt es – eingebettet in einige allgemeine Fragen und Antworten zur Wasserstoffstrategie von Bund und Land – viel Raum für das Narrativ von Shell als Vorreiter beim Klimaschutz.
Der KStA lässt zwar prominente Befürworter wie den früheren NRW-Ministerpräsidenten und CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet oder den Grünen-Staatssekretär Paul Höller zu Wort kommen. Doch kritische Stimmen fehlen komplett. Wer erklärt den Leser*innen, dass hier mit hohem energetischen Aufwand eine fossile Infrastruktur „grün gewaschen“ wird, statt den Ausstieg aus dem Verbrenner-Modell zu forcieren?
Das alles ist aufgemacht im Stil eines sachlichen FAQ und gekrönt mit einer Überschrift, die schon von Weitem in die von Shell gewünschte Irre führt.
Fazit
„Greenwashing ist kalkuliertes Belügen“, sagte Luisa Neubauer letztes Jahr in einem Interview. Das ist nicht neu. Umso erschreckender, dass immer noch viele Medien darauf hereinfallen. Shell hat sich im vorliegenden Fall nicht einmal besonders angestrengt, sein Greenwashing zu verbergen.
Wann immer Unternehmen mit blumigen Worten große Klimaversprechen verkünden, sollten bei Journalist*innen die Alarmglocken läuten. Besonders, wenn es sich bei diesen Unternehmen um Schwergewichte des fossilen Komplexes handelt. Wobei die Verantwortung dafür selbstverständlich nicht allein bei den Autor*innen liegt. Sowohl die zuständigen Redaktionen als auch der betreffenden Verlage/Sender müssen dafür sorgen, dass ausreichende fachliche, finanzielle und personelle Ressourcen vorhanden sind, um die Greenwashing-Strategien und -Kampagnen von Shell & Co. zu erkennen und zu entlarven.
Frankfurter Rundschau und Handelsblatt haben sich übrigens gar nicht erst die Mühe gemacht, eine*n Journalist*in an die Geschichte über das neue Wasserstoff-Projekt von Shell zu setzen. Sie haben einfach die Pressemitteilung von Shell fast eins zu eins übernommen. Dass beide Zeitungen dies mit einem kleinen Hinweis transparent machen, ist sicher korrekt, ersetzt aber keineswegs eine journalistische Aufbereitung der hoch problematischen PR-Strategie von Shell und seiner Wasserstoff-Pläne.
Eine Überschrift, die bei den Leser*innen den Eindruck erweckt, ein Öl-Konzern würde sich mit viel Geld für den Klimaschutz einsetzen. Ein Text, der die wahren Zusammenhaänge nicht aufzeigt und dem Greenwashing-Narrativ von Shell breiten Raum gibt, aber keine Kritiker zu Wort kommen lässt. Wenn das alles selbst einer renommierten Regionalzeitung wie dem Stadtanzeiger passiert, der immer wieder auch durch engagierte und professionelle Berichterstattung im Bereich Klimakrise auffällt, zeigt das: In den Redaktionen muss die Sensibilität für Greenwahsing-Strategien der fossilen Unternehmen erhöht werden. Zugleich müssen die personellen und finanziellen Ressourcen bereitgestellt werden, damit die betreffenden Kolleg*innen in der Lage sind, solche Strategien zu erkennen und zu durchkreuzen.
Methodischer Hinweis: Die Berechnung der Scope-3-Emissionen basiert auf den CO₂-Emissionsfaktoren für fossile Brennstoffe des Umweltbundesamtes sowie den geschätzten Produktionsmengen des Shell-Werks Wesseling.