Viel Sonne, wenig Wahrheit: Wie Medien Australiens Energiewende schönschreiben

06.04.2026
Anna-Lena Janzen

Zwischen Hype und Ignoranz: Wir analysieren die blinden Flecken der deutschen Berichterstattung über den Energiepartner Australien.

Australien passt fast zu gut in das deutsche Wunschbild vom idealen Partner für die Energiewende: demokratisch, rohstoffreich, exportstark, dazu Sonne und Wind im Überfluss. Anfang Februar reiste Außenminister Johann Wadephul nach Canberra; in einer gemeinsamen Erklärung ist von „geteilten Werten“ und gemeinsamen Zielen bei Sicherheit, erneuerbaren Energien und kritischen Rohstoffen die Rede.

 

Auch manche deutschen Medien knüpfen an dieses Bild an. Schon seit dem russischen Angriff auf die Ukraine erscheint der fünfte Kontinent als Lösung europäischer Probleme: als LNG-Lieferant in der Energiekrise, als Hoffnungsträger für grüne Wasserstoffimporte und als Rohstoffreservoir gegen Abhängigkeiten von China. Die Erzählung dahinter: Heute hilft Australien bei fossiler Versorgungssicherheit, morgen schon beim Aufbau einer klimaneutralen Energiewirtschaft.

 

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, wie begrenzt diese Lesart ist: Seit dem Amtsantritt der Albanese-Regierung im Mai 2022 wurden nach aktuellen Berichten des australischen Climate Councils insgesamt 35 neue Projekte für fossile Brennstoffe bewilligt, etwa 42 weitere Kohleminen-Projekte, warten auf eine Entscheidung. Australien bleibt also noch lange eine der größten fossilen Exportnationen der Welt.

 

Besonders deutlich wird das am North-West-Shelf-Projekt (NWS) des Gaskonzerns Woodside auf der Burrup-Halbinsel, einem der größten LNG-Projekte Australiens. Im September 2025 genehmigte die australische Regierung dessen Verlängerung bis 2070 – trotz massiver Kritik aus Wissenschaft, Umweltverbänden, von indigenen Einwohnern und im klaren Widerspruch zu ihren eigenen Klimazielen.

Karratha Gas Plant North West Shelf Project-web
Das Karratha Gas Plant, Teil des North West Shelfs. Bild: Woodside Energy Ltd.

Bis 2070 soll der LNG-Komplex laut dem Think-Tank Australia Institute insgesamt rund 4,3 Milliarden Tonnen Treibhausgase verursachen – damit zählt er zu den klimaschädlichsten fossilen Vorhaben des Landes. Der Ärger darüber reicht auch über Australien hinaus: Vanuatus Klimaminister Ralph Regenvanu nannte die Entscheidung zur Verlängerung einen „Schlag ins Gesicht“ für die Pazifikstaaten, deren nationale Sicherheit durch solche Projekte direkt untergraben werde.

 

Direkt neben der Industrieanlage liegt Murujuga, eine indigene Kulturlandschaft mit etwa 50.000 Jahre alten Felsgravuren, die 2025 in die Welterbeliste aufgenommen wurde. Wissenschaftler*innen der University of Western Australia berichteten 2025, industrielle Luftverschmutzung habe die Felskunst beeinträchtigt und werde ihr weiter zusetzen, solange die Emissionen der umliegenden Industrie nicht sinken.

 

Der Forscher Jolam Tjako Neumann von der Universität Bonn legte im selben Jahr Befunde vor, die darauf hindeuten, dass industriell verursachter saurer Regen die Verwitterung der Kunstwerke chemisch beschleunigt. Expert*innen werfen der Regierung vor, dieses Risiko kleingeredet zu haben, um die Gasindustrie nicht zu gefährden.

 

Der Konflikt betrifft Deutschland unmittelbar: Der deutsche Staatskonzern Uniper ist Abnehmer des Gases von Woodside und hat erst 2025 zusätzliche LNG-Lieferungen vereinbart. Schon frühere Deals zwischen den Unternehmen standen im Zusammenhang mit der Erschließung des Scarborough-Gasfeldes vor Westaustralien. Dort warnen Umweltschützer*innen vor Schäden für empfindliche Meeresökosysteme und bedrohte Arten wie Zwergblauwale und Meeresschildkröten.

 

Leerstelle in der deutschen Berichterstattung

 

Hier zeigt sich eine Leerstelle in der deutschen Berichterstattung: Während Wirtschaftsmedien die Verträge zwischen Uniper und Woodside meist unter dem Aspekt der Versorgungssicherheit thematisierten, fanden die ökologischen und politischen Spannungen in Westaustralien kaum Beachtung in der öffentlichen Debatte. Die Analysen des Bonner Forschers sowie Vorwürfe unabhängiger Experten bezüglich einer zu großen Nähe zwischen der australischen Regierung und der Gasindustrie werden in der Berichterstattung kaum mit europäischen Importstrategien verknüpft.

 

Beim grünen Wasserstoff war die mediale Aufmerksamkeit in Deutschland dagegen deutlich größer. Während LNG-Deals vergleichsweise wenig Beachtung fanden, wurde die deutsch-australische Kooperation bei klimaneutralen Energieträgern in einigen Leitmedien fast als Schlüssel zur Dekarbonisierung dargestellt.

 

2020 hieß es in einer großen Wirtschaftszeitung, Deutschland und Australien ebneten gemeinsam den Weg für einen globalen Wasserstoffmarkt. Überregionale Tageszeitungen schrieben, Australien solle „Deutschlands Wasserstoff-Träume wahr machen“, andere Berichte in Wirtschaftsmagazinen lasen sich teils wie Kampagnen: „Australien hat Wind und Sonne satt“, hieß es dort, und: „Entfernung ist kein Hindernis“ – wobei fast ausschließlich Stimmen aus Politik und Wirtschaft zitiert wurden. Berichte über hochrangige politische Besuche und gemeinsame staatliche Förderprogramme vervollständigten das Bild einer zukunftsgewandten Partnerschaft.

 

In der medialen Darstellung entstand manchmal der Eindruck, die Schiffe mit grünem Ammoniak stünden quasi schon vor den deutschen Häfen, während die Realität vor Ort in Australien deutlich nüchterner aussah. Schlagzeilen wie „Australien will die ganze Welt mit Wasserstoff beliefern“ erzeugten ein Bild von unbegrenzter Verfügbarkeit, obwohl vieles davon zunächst ein Versprechen blieb.

 

Beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hieß es schon 2023, die deutschen Importziele für Wasserstoff bis 2030 seien kaum zu erreichen. Claudia Kemfert nannte grünen Wasserstoff den „Champagner unter den Energieträgern“: teuer und sinnvoll nur dort, wo es keine Alternativen gibt.

 

Wie weit Vision und Realität auseinanderklaffen, zeigt sich bei Fortescue: Der australische Bergbaukonzern wurde in mehreren deutschen Medien als der entscheidende Vorreiter einer globalen Wasserstoffwirtschaft porträtiert, doch die Umsetzung stieß 2024 auf harte Grenzen. Das Unternehmen gab sein Ziel auf, bis 2030 große Mengen grünen Wasserstoffs zu produzieren – zu teuer, zu stromintensiv, zu wenig Nachfrage. 2025 wurden weitere Projekte verschoben oder gestrichen.

 

Vereinzelte Beiträge zeigen: Es geht auch anders.

 

Auch eine 2024 in der Fachzeitschrift Energy Technology erschienene Studie zum deutschen Wasserstoffdiskurs beobachtet einen Tunnelblick in der Berichterstattung: Exportländer wie Australien erscheinen demnach primär als effiziente Lieferanten, während ökonomische, ökologische und soziale Folgen vor Ort kaum Beachtung finden. Die Studie hat herausgefunden, dass der Fokus vor allem auf der deutschen Versorgungssicherheit liegt, während Dimensionen der Energiegerechtigkeit und die UN-Nachhaltigkeitsziele in Bezug auf die Partnerländer eher vernachlässigt werden.

 

Vereinzelte Beiträge aus den vergangenen Jahren zeigen jedoch, dass es auch anders geht: Sie erweitern die Perspektive, legen politische Widersprüche offen und beziehen Stimmen aus Australien und dem Pazifik ein, die im politischen und wirtschaftlichen Diskurs meist überhört werden.

 

So machte Deutschlandfunk Kultur in der Reportage „Energiewende eines Klimasünders“ die Widersprüche bereits im Titel sichtbar und gab den Einwohnern ehemaliger Kohlestädte eine Bühne. Die Süddeutsche Zeitung beleuchtete die „großen Widerstände“ gegen Fortescues Wasserstoffambitionen und die Macht der dortigen Kohlelobby. Die taz stellte das politische Narrativ Australiens unter der Überschrift „Nachhaltig ist einzig die Rhetorik“ in frage und kontrastierte Albaneses klimapolitische Selbstdarstellung mit der Realität neuer fossiler Großprojekte und dem wachsenden Protest aus dem Pazifik.

Die Journalistin Anna-Lena Janzen. Foto von Nicola Bernardi
Ein Artikel von Anna-Lena Janzen

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