Hitzewellen
Weglassen ist das neue Leugnen
Wie Dekontextualisierung zur neuen Strategie der Klimaskepsis wurde – und warum sie gefährlicher ist als offene Leugnung.
Pfingsten 2026 – Hochsommer im Frühling. In der letzten Mai-Woche wälzt von Süden kommend die erste Hitzewelle des Jahres über Europa, mit Temperaturen weit über 30 Grad und extremer Trockenheit. Frankreich meldet die ersten Hitzetoten.
Am Pfingstmontag, den 25. Mai, titelt der Kölner Stadtanzeiger: „Summer in the City – Kölner genießen heißes Wetter an Pfingsten“. Auf einer ganzen Seite widmet sich der KStA dem „Sommerfeeling im Mai“ – ohne eine einzige Zeile über das Warum. Kein einziger Satz, geschweige denn Absatz zum menschengemachten Klimawandel als Ursache dieser extremen Hitze. Der längst belegte Zusammenhang zwischen der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas und der zunehmenden Frequenz und Intensität solcher Hitzewellen? Komplett ausgespart.
Nicht viel besser die Tagesschau: Am 26. Mai überschreibt tagesschau.de einen Überblick über den zweiten Tag der Hitzewelle mit den Worten „Kein Mai-Rekord in Deutschland“. Na dann… Immerhin erfährt das Publikum im Verlauf des Artikels, dass es solche „Mai-Rekorde“ in Frankreich und Großbritannien sehr wohl gegeben hat. Aber in Regensburg, dem bundesweiten Hitzepol an diesem Tag, reichten 34 Grad Celsius eben nicht für die Geschichtsbücher.
Dazu passt, dass in dem gesamten Artikel nicht ein einziges Mal das Wort „Klima“ auftaucht. So, wie übrigens in allen Ausgaben der Tagesschau und in den Tagesthemen an jenem Hitzetag im Mai, wie eine Erhebung von „Klima vor Acht“ zeigt.
Das Handelsblatt wiederum berichtet am 28. Mai ausführlich über die wirtschaftlichen Folgen der Hitze: bis zu 112 Milliarden Euro Schaden drohten allein Deutschland bis 2030. Ein Bezug zur Klimakrise wird jedoch erst im letzten Absatz hergestellt – und auch dort nur sehr mittelbar.
Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Ob ZDF, Deutschlandfunk oder DER SPIEGEL – das Muster ist stets dasselbe: Die Folgen des menschengemachten Klimakollapses werden von dessen Ursachen entkoppelt. Das ist, als würde über Brandopfer berichtet, ohne das Feuer zu erwähnen. Wo Kontext dem Publikum helfen müsste, das Geschehen einzuordnen, wird systematisch dekontextualisiert – und zwar so konsequent, dass man nicht mehr von einem „Versehen“ oder einer vereinzelten journalistischen Fehlleistung sprechen kann.
Kein Versehen, sondern Methode
Die offene Leugnung des Klimawandels hat im Jahr 2026 in den seriösen Medien ausgedient. Nicht, weil alle Skeptiker überzeugt wurden, sondern weil die Realität sie überholt hat. Extremwetter ist auch in Mitteleuropa längst körperlich erfahrbar: Hitze, Dürre, Starkregen, Überschwemmungen – Ereignisse, die früher Ausnahmen waren, häufen sich. Darüber gar nicht zu berichten, wäre absurd. Das wissen auch jene in den Chefredaktionen, die Klimaschutz wahlweise für „grünen Aktivismus“, „Wohlstandsgefährdung“ oder „schlecht für die Quote“ halten.
Also wurde die Strategie angepasst: Nicht mehr leugnen, sondern entkoppeln. Berichtet wird allenfalls über die Symptome – nicht über die Krise selbst, geschweige denn ihre Verursacher oder wirksame Gegenmaßnahmen.
Für die fossile Industrie und ihre politischen Verbündeten, die effektive Klimaschutz-Politik seit Jahrzehnten verzögern, ist das bequem. Denn eine Berichterstattung, die nur Symptome zeigt, aber die Diagnose verweigert, vermindert genau jenen gesellschaftlichen Druck, der für einen schnellen Ausstieg aus Öl und Gas nötig wäre. So funktioniert „weiche Klimaleugnung“. Sie kommt leise daher, ist kaum angreifbar – aber hochwirksam.
Warum machen Medien das mit?
Die Motive der fossilen Lobby diesbezüglich liegen auf der Hand. Jeder Tag Verzögerung beim Ausstieg aus Kohle, Gas und Öl ist für sie bares Geld. Die Motivlagen in Redaktionen sind vielschichtiger. Sie lassen sich grob in drei Kategorien einteilen: Angst, ökonomischer Druck und Zweifel an der Dringlichkeit der Klimakrise.
Der Faktor Angst wiegt besonders schwer im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die Sender stehen schon lange unter erheblichem Druck – sei es durch koordinierte Kampagnen von rechtsaußen, fossile Lobbyverbände oder einer Kombination aus beidem. Wie folgenreich solcher Druck ist, habe ich 2015 selbst erfahren, nach einem Kommentar auf tagesschau.de zur Besetzung des Tagebaus Garzweiler. Schon damals wurde Klimaberichterstattung – selbst innerhalb vieler Medien – gezielt als „Aktivismus“ diffamiert. Der Reflex, solchen Konflikten aus dem Weg zu gehen, hat sich bis heute weiter verstärkt.
Dazu kommt das wirtschaftliche Kalkül: Wir alle kennen das Redaktionsdogma „Klima klickt nicht“. Im Zuge der allgemeinen Kommerzialisierung des Journalismus gelten Klicks, Einschaltquoten und Abos als alleiniges Maß des Erfolgs. Da folgt man lieber dem allgemeinen Trend der Verdrängung, als die Menschen mit der unangenehmen Realität der Klimakrise und der Notwendigkeit des Wandels zu konfrontieren.
Und schließlich Punkt drei: die in den Führungsetagen offenbar fehlende Bereitschaft, die Klimakrise als ernstes Problem und Entscheidungsmaßstab anzunehmen. Stattdessen wird sie im besten Fall als nachgelagertes Spezialthema angesehen. Das Ergebnis bleibt in allen drei Fällen dasselbe: Die Klimakrise wird zwar nicht offen bezweifelt oder gar geleugnet. Aber die Ursachen werden unterschlagen, die Phänomene aus ihrem Kausalzusammenhang gelöst.
Der harte Kern im Hintergrund: RCP8.5 und die Arbeitsteilung der Skepsis
Das bedeutet nicht, dass die „harte Klimaleugnung“ verschwunden ist. Während die „weiche“ Fraktion in den Redaktionen durch Weglassen wirkt, liefert der härtere Teil der Klimaskepsis im Hintergrund den ideologischen, pseudowissenschaftlichen Überbau.
Ein aktuelles Beispiel ist der Umgang mit der Neubewertung des IPCC-Szenarios SSP5-8.5, dem Nachfolger des bekannteren RCP8.5. Dass dieses extreme Hochemissions-Szenario nicht mehr als plausibler Standardpfad gilt, ist eine legitime wissenschaftliche Aktualisierung – und in Teilen sogar eine gute Nachricht, denn sie spiegelt den Erfolg von Klimapolitik und erneuerbaren Energien wider.
Doch in rechtskonservativen Medien, bei Politiker*innen wie Kristina Schröder und in den Kanälen der organisierten Klimaskepsis wird daraus etwas anderes: Der menschengemachte Klimawandel sei doch nicht so schlimm, die Wissenschaft habe sich selbst widerlegt, die Klimaziele seien übertrieben. Dass das sachlich falsch ist, hat Adrian Pohr in einer ausführlichen Analyse bei brandmelder bereits dargelegt.
Der entscheidende medienkritische Punkt ist die indirekte Wirkung dieser Kampagnen: Sie müssen keine Mehrheitsmeinung werden, um zu wirken. Es reicht, wenn sie in den Köpfen von Redaktionsleitungen das ohnehin vorhandene Unbehagen bestätigen: Ist das alles wirklich so eindeutig? Legen wir uns da nicht zu weit aus dem Fenster? Haben die Kritiker vielleicht doch „einen Punkt“? Das Ergebnis ist Zögerlichkeit – sie manifestiert sich im weggelassenen Satz, im fehlenden Kontext, in der Hitzewelle ohne Klimawandel, im Rauch ohne Feuer.
Das Weglassen ist gefährlicher als das Leugnen
Offene Klimaleugnung ist sichtbar. Sie kann benannt, faktenbasiert widerlegt und diskreditiert werden. Wer heute öffentlich bestreitet, dass der Mensch den Klimawandel verursacht, macht sich lächerlich – und das wissen die Skeptiker*innen selbst.
Dekontextualisierung hingegen funktioniert anders. Sie operiert im Deckmantel journalistischer Normalität: sachlich, unaufgeregt, scheinbar ausgewogen. Sie ist kaum angreifbar, weil jede Kritik an ihr sofort als „aktivistisch” geframet werden kann. Das ist ihr eigentlicher Schutzschild.
Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk wiegt das besonders schwer. Der ÖRR hat einen gesetzlich verankerten Bildungs- und Informationsauftrag. Wenn Tagesschau oder heute journal über Extremwetter berichten, ohne den Bezug zur Klimakrise herzustellen, erfüllen sie diesen Auftrag nicht. Sie informieren – aber sie klären nicht auf. Dieser Unterschied ist fundamental.
Menschen Optionen zum Handeln geben
Die Klimakrise ist keine abstrakte Zukunftsbedrohung mehr. Sie ist das heiße Wetter dieser Woche, die Überschwemmung im letzten Sommer, der ausgetrocknete Fluss des vergangenen Herbstes. Wer darüber berichtet, hat die Pflicht, den Zusammenhang herzustellen. Denn nur aus dem Zusammenhang, aus dem Verstehen von Ursache und Wirkung, ergeben sich Lösungswege. Über katastrophale Folgen der Klimakrise isoliert von ihren Ursachen zu berichten, hilft den Menschen nicht. Im Gegenteil, es verstärkt nur das Gefühl der Machtlosigkeit und die Tendenz zur Verdrängung.
Guter Journalismus bedeutet zu sagen, was ist – auch wenn es wehtut. Nicht damit es wehtut, sondern um den Menschen Optionen zum Handeln zu geben.