Verzögerungsargumente

Die bequeme Botschaft des Nichtstuns

11.08.2026
Alex Tiefenbacher

Die Philosophin Frauke Rostalski tourt mit der entlastenden Aussage durch Talkshows, es gebe keine Pflicht zum Klimaschutz. Das Problem: Die wissenschaftlichen Daten tragen ihre Argumentation nicht. Und niemand fragt danach.

Mit ihrem Buch „Wer soll was tun – warum wir nicht zum Klimaschutz verpflichtet sind und worin unsere Verantwortung eigentlich besteht“ tourt Frauke Rostalski durch zahlreiche philosophische Medienformate. Zu Gast war sie mit der immergleichen Message unter anderem beim Deutschlandfunk mit einem Essay, in der „Sternstunde Philosophie“ im Schweizer Fernsehen oder im philosophischen Radio vom WDR.

 

Gewisse Punkte, auf die Rostalski, immerhin Rechtsphilosophin und Mitglied des deutschen Ethikrates, unermüdlich hinweist, sind nachvollziehbar. Sie weist zu Recht darauf hin, dass individuelle Verhaltensänderungen allein die Klimakrise nicht lösen werden. Ebenso sinnvoll ist ihre Forderung nach international koordinierter Klimapolitik, etwa in Form von Klimaclubs oder gemeinsamen Regulierungen.

 

Problematisch wird es dort, wo sie daraus ableitet, dass individuelle Beiträge zum Klimaschutz letztlich wirkungslos seien — und deshalb weder moralische noch politische Verpflichtungen begründen könnten. Denn prüft man ihre zentrale Aussage, fällt die ganze Logik rasch in sich zusammen.

 

Das Leakage-Argument trägt nicht

 

Im Zentrum von Rostalskis Argumentation steht das sogenannte Carbon Leakage. In der Sternstunde Philosophie beschreibt sie den Mechanismus so: „Wenn Europa weniger fossile Brennstoffe kauft, sinkt der Weltmarktpreis, andere Staaten kaufen mehr und verbrennen unter schlechteren Umweltstandards.“

 

Solche Effekte existieren. Besonders in energieintensiven Industrien sind sie seit Langem bekannt. Deshalb diskutieren Ökonom*innen und Klimapolitiker*innen über Klimazölle und internationale Mindeststandards. Nur: Die Forschung zeigt nicht annähernd jene Größenordnungen, die Rostalski für ihre Argumentation bräuchte.

 

Der aktuelle Bericht des Weltklimarats IPCC verweist im Kapitel „Spillover Effects on the Energy Sector“ auf Studien zu Leakage-Effekten, beide stammen aus dem Jahr 2015. Eine der Studien kommt zum Schluss, dass die Effekte maximal etwa 16 Prozent betragen könnten. Bedeutet: Werden in Deutschland oder der Schweiz 100 Tonnen CO₂ eingespart, könnten andernorts zusätzlich rund 16 Tonnen ausgestoßen werden. Eine zweite Studie kommt je nach Szenario auf Werte zwischen 0 und 50 Prozent. Die Unsicherheiten sind also groß. Aber selbst pessimistische Szenarien kommen nicht zu dem Schluss, dass Klimaschutz vollständig verpufft.

 

Ähnliches gilt für Leakage-Effekte durch CO₂-Preise und Emissionshandelssysteme. Eine aktuelle OECD-Studie spricht im Durchschnitt von etwa 14 Prozent — mit höheren Verlagerungen in einzelnen energieintensiven Branchen wie der Stahl- oder Papierproduktion. Gerade deshalb hat die EU Anfang des Jahres mit dem „Carbon Border Adjustment Mechanism“ (CBAM) einen Klimazoll eingeführt, um solche Verlagerungen zwischen Staaten zu begrenzen – worauf Rostalski auch selbst hinweist.

 

Vom realen Problem zum Trugschluss

 

Zum Carbon-Leakage-Argument kann man also zwei Dinge festhalten: Erstens begibt sich die Welt diesbezüglich langsam aber sicher auf den richtigen Weg. Zweitens sind die Leakage Effekte bei Weitem nicht so umfassend, dass dadurch jede Klima-Wirkung verpufft. Genau diesen Schluss zieht Rostalski jedoch regelmäßig.

 

Solange kein globales Gesamtkonzept existiere, „führt der Einzelbeitrag, auch wenn er noch so gut gemeint ist, zu nichts, schlimmstenfalls sogar zu was Negativem“, erklärt sie im philosophischen Radio des WDR. Weiter geht die Logik von Rostalski so: Wenn Klimaschutz gar nichts bringt, kann man auch keine Pflicht zu klimasensiblem Verhalten ableiten, weder rechtlich noch ethisch. Nicht für die einzelnen Individuen. Ja, nicht einmal für einzelne Staaten.

 

Damit diese Argumentation aufgeht, müssten die Leakage-Raten allerdings über 100 Prozent betragen. Nur dann würde anderswo mehr ausgestoßen, als hier eingespart wird. Dafür gibt es bislang keine belastbare empirische Grundlage. Trotzdem spricht Rostalski auch in ihrem Essay im Deutschlandfunk von Effekten, die „zu einem höheren Ausstoß von CO₂ im Ausland führen, der sogar über dem liegt, was hierzulande emittiert worden wäre.“ Diese Behauptung ist eines der zentralen und zugleich schwächsten Argumente von Rostalski. Bemerkenswert ist vor allem, dass Moderator*innen nicht kritisch nachfragen.

 

Deshalb bleibt es weiter rätselhaft, woher sie ihre horrenden Leakage-Raten hat. Wir haben Rostalski deshalb vor Veröffentlichung dieses Artikels mit dieser Frage konfrontiert. In ihrer Antwort relativiert sie ihre Aussagen und erklärt, man könne nicht pauschal sagen, ob ein Effekt verpuffe: „Man muss unbedingt von Fall zu Fall betrachten, was wirklich etwas bringt.“ Es sei „unheimlich schwer“ zu bestimmen, was überwiege: Einsparung oder Leakage. Diese Differenziertheit sucht man in ihrem Buch und ihren Auftritten allerdings vergeblich. Wie ihre oft wiederholte Botschaft, individueller oder einzelstaatlicher Klimaschutz bringe zum jetzigen Zeitpunkt schlichtweg nichts, damit zu vereinbaren ist, lässt sie offen.

 

Klimaschutz wirkt nicht nur linear

 

So stark Rostalski die Carbon Leakage-Raten überschätzt, so stark vernachlässigt sie, wie vielfältig klimasensibles Verhalten wirken kann. Mehrfach nennt sie den Hafermilch-Latte als Beispiel für symbolischen Verzicht ohne reale Wirkung.

 

Doch gerade hier zeigt sich die Schwäche ihrer Perspektive. Individuelles Verhalten wirkt nicht nur direkt über eingesparte Emissionen. Es verändert Nachfrage, Märkte und gesellschaftliche Normen. Es braucht lediglich ein paar weitere Leute, die es einem gleichtun, und das Café wird am Abend eine Packung Kuhmilch weniger verbraucht haben und das nächste Mal einen Liter Hafermilch mehr kaufen.

Der Titel "Du kannst nichts gegen die Klimakrise tun" der Fernsehsendung Sternstunde Philosophie ist irreführend und stimmt so nicht. Screenshot: 02.06.2026

Der bekannte Verzögerungsdiskurs

 

Zwar betont Rostalski in ihrer Antwort auf unsere Anfrage, es gehe ihr gerade nicht darum, „den Menschen zu sagen: Ach, legt doch die Hände in den Schoß und lasst alles geschehen“. Vielmehr wolle sie die Menschen wachrütteln. Beim Publikum dürfte allerdings eine gänzlich andere Message hängen bleiben. Ob beabsichtigt oder nicht, reiht sich Rostalski damit in ein Argumentationsmuster ein, das in der Forschung seit Langem bekannt ist. Die Kommunikationswissenschaft spricht hierbei von „discourses of delay“: Strategien, die Klimaschutz nicht offen ablehnen, sondern Verantwortung relativieren und Handlungsdruck verschieben.

 

Die Botschaft lautet dann nicht: „Der Klimawandel existiert nicht.“ Sondern: „Unser Beitrag bringt ohnehin nichts.“ Nicht ich. Nicht jetzt. Nicht hier. Genau darin liegt die „Attraktivität“ solcher Positionen. Sie entlasten — moralisch und politisch.

 

Dazu passt, dass Rostalski in einer ethischen Pflicht, klimasensibel zu handeln, auch noch ein diskursives Problem sieht. Sie spricht von einem „Moralspektakel“, vom erhobenen moralischen Zeigefinger oder von dem „Protzen mit eigenen Verzichtsleistungen“ und deklariert das als schädlich für den gesellschaftlichen Diskurs. Doch auf welcher Seite des sogenannten Moralspektakels liegt tatsächlich das Problem – bei denen, die durch ihren individuellen Beitrag einen Dienst an der Gesellschaft erbringen, oder bei denen, die sich daran stören?

 

Die eigentliche Frage

 

Natürlich braucht wirksamer Klimaschutz internationale Kooperationen und politische Rahmenbedingungen. Niemand löst die Klimakrise allein durch den Konsum von Hafermilch oder die Nutzung von Nachtzügen. Aber aus der Tatsache, dass gemeinsames Handeln nötig ist, folgt nicht, dass individuelles Handeln bedeutungslos wäre.

 

Eigentlich müsste die Schlussfolgerung genau andersherum lauten: Wenn Klimaschutz nur funktioniert, wenn viele mitmachen, dann sollte man daraus ableiten, dass eben auch möglichst viele mitmachen müssen. Anstatt zu dem Schluss zu kommen, dass niemand in der Pflicht sei.

 

Die entscheidende Frage lautet am Schluss aber gar nicht, ob individuelles Handeln immer seine maximale Wirkung entfalten kann oder nicht. Sondern warum eine in sich nicht schlüssige These zuverlässig mediale Aufmerksamkeit erhält, ohne kritisch hinterfragt zu werden. Jede gut vorbereitete Moderation würde von Frauke Rostalski wissen wollen, aus welcher Studie sie ihre Leakage-Raten hat. Wird die Antwort auf diese Frage nicht vehement eingefordert und eingeordnet, gibt man Erzählungen eine Plattform, die so nicht richtig sind. Vor allem aber kommen die Medien so ihrem eigentlichen Auftrag nur mangelhaft nach: Fakten einzuordnen und Zusammenhänge für ihr Publikum sichtbar und verständlich zu machen.

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