Tödliche Gefahr oder nur ein bisschen Schnupfen?
Eine internationale Studie warnt vor einem massiven Anstieg von Hitzetoten und Tropenkrankheiten in Europa. Die ARD macht daraus eine Nachricht über Heuschnupfen.
Am 22. April 2026 veröffentlichte ein internationales Forscherteam den 2026 Europe report of the Lancet Countdown on health and climate change, die aktuelle Ausgabe einer Studie über die Folgen der Erderhitzung für Gesundheit und Leben in Europa. Die Ergebnisse sind alarmierend: Die täglichen Gesundheitswarnungen vor extremer Hitze stiegen 2015–24 im Vergleich zu 1991–2000 um mehr als 300 Prozent. Die Zahl der Todesfälle, die auf Hitze zurückzuführen sind, stieg genauso wie die Erkrankungen an „klimaempfindlichen Infektionskrankheiten“ wie Dengue und Malaria.
Doch statt sachlich über die 22 Seiten umfassende Studie zu berichten, macht die ARD daraus eine verharmlosende Geschichte über Heuschnupfen – Überschrift: „Internationale Studie – Pollensaison wird länger und stärker“. Der zu dem Thema zeitgleich erschienene Hörfunkbeitrag hat denselben Tenor.
In der Studie gibt es tatsächlich ein Kapitel, das sich mit Allergien beschäftigt. Darin kommen die Forschenden zu dem Ergebnis, dass die Erderhitzung die Blütezeit von Pflanzen verschiebt, die Pollenbelastung erhöht und damit zu einer Zunahme allergischer Erkrankungen führt. Doch dieses Kapitel ist (in der Onlinefassung) gerade mal neun Zeilen lang. Die ARD nimmt aber keineswegs diesen populären Teilaspekt zum Aufhänger, um so vielleicht die Studie einem breiteren Publikum „schmackhaft“ zu machen. Redaktionen und Autor*innen erheben diesen Randaspekt vielmehr zum alleinigen Thema und lassen den wesentlichen Inhalt der Studie unerwähnt.
Es geht auch anders
Schaut man sich die Berichterstattung anderer Medien an – und es sind erfreulich viele, die das Thema aufgreifen – ergibt sich schon bei den Überschriften ein völlig anderes Bild. So titelt das Kölner Boulevard-Blatt EXPRESS: „Tödliche Gefahr in Europa – Mehr Hitzetote und Tropenkrankheiten durch Klimawandel“. Zugegeben, reißerisch – aber dennoch klar und korrekt.
Auch der Deutschlandfunk setzt in seinem Audio-Programm und online einen ganz anderen Schwerpunkt als die ARD. Unter der Headline „Klimawandel beeinträchtigt zunehmend menschliche Gesundheit“ heißt es im Online-Text:
„Eine internationale Forschungsgruppe am Universitätsklinikum Heidelberg hat die Zeiträume 2015 bis 2024 und 1991 bis 2000 miteinander verglichen. In fast allen untersuchten Regionen stieg die Zahl der hitzebedingten Todesfälle an, heißt es in der Fachzeitschrift „Lancet“. Im Durchschnitt betrug der jährliche Anstieg 52 Todesfälle pro Million Einwohner. In Teilen Spaniens, in Italien, Griechenland und Bulgarien waren es mehr als 120. Die Forscher machen dafür den durch die Nutzung fossiler Brennstoffe angetriebenen Klimawandel verantwortlich. Die Zahl der Tage mit Gesundheitswarnungen vor extremer Hitze habe sich in den untersuchten Zeiträumen im europäischen Durchschnitt um 318 Prozent erhöht.“
Auch das ZDF zeigt, wie man sein Publikum über die Studie (in TV- und Online-Angebot) ansprechend, verständlich und umfassend informieren kann. In dem Onlinetext werden neben den physikalischen Ursachen auch die politischen Aspekte aus der Studie wiedergegeben:
„Die Forscher fanden auch positive Entwicklungen: Beispielsweise erhöhte sich der Anteil erneuerbarer Energien an der gesamten europäischen Stromversorgung im Jahr 2023 auf 21,5 Prozent, verglichen mit 8,4 Prozent im Jahr 2016. Dennoch fließe weiter viel Geld in fossile Brennstoffe wie Kohle, Erdgas und Erdöl. ‚Obwohl sich Europa in mehreren internationalen Foren verpflichtet hat, die Subventionen für fossile Brennstoffe bis 2025 schrittweise abzubauen, wurde für 2023/2024 ein starker Anstieg der Subventionen verzeichnet, der durch die Energiekrise infolge des russischen Einmarsches in die Ukraine ausgelöst wurde‘, schreiben die Studienautoren. Ihnen zufolge betrugen die Subventionen 444 Milliarden Euro allein im Jahr 2023.“
Die Reihe der positiven Beispiele ließe sich – erfreulicherweise – fortsetzen – darunter auch mit einem Beitrag aus der ARD-„Familie“. So berichtet der mdr in einem Hörfunk-Nachrichtenbeitrag und online: „Klimawandel – Europa: Fast doppelt so viele Hitzetote im Vergleich zu den 90er Jahren“.
Die ARD hätte also durchaus den nötigen Sachverstand in ihren Reihen, um die bedeutende LANCET-Studie angemessen und mit der nötigen inhaltlichen Gewichtung dem Publikum nahe zu bringen – zumal an einem Tag, an dem mit dem „Petersberger Klimadialog 2026“ ein kaum zu übersehender „Aufhänger“ (den manche Redaktionen ja immer noch zu brauchen scheinen, um „Klimathemen“ ins Programm zu heben) wie auf dem Präsentierteller geliefert wurde.
Systemisches Versagen statt Einzelfall
Stattdessen verschenkte die ARD nicht nur eine gute Gelegenheit, sie verstieß auch geradezu sträflich gegen ihre Pflichten als öffentlich-rechtliches Medium. Selbst der die Studie verzerrende „Heuschnupfen-Beitrag“ hat es – im Gegensatz zu Buckelwal „Timmy“ – nicht einmal auf die Haupt-Seite von tagesschau.de geschafft.
Die ARD hat mit ihrem Online-Artikel und dem dazugehörigen Audio-Beitrag eine umfassende Studie über die gesundheitlichen Folgen der Klimakrise durch Verkürzung auf einen Randaspekt letztlich verfälscht. Bei den Leser*innen und Zuhörer*innen (im TV-Programm tauchte die Studie überhaupt nicht auf) kam die alarmierende Botschaft der Studie dadurch nicht an.
Schaut man sich an, wie stiefmütterlich bis ängstlich die ARD in den letzten Jahren insgesamt die Klimaberichterstattung in den wichtigen Nachrichtenformaten TAGESSCHAU, TAGESTHEMEN und TAGESSCHAU.DE behandelt und zurückgefahren hat, wie sie sich seit Jahren gegen die Forderung nach einem Klima-Primetime-Format wie „Klima vor Acht“ sperrt, fällt es schwer, den jüngsten Bericht als „Ausrutscher“ zu betrachten. Deshalb richtet sich unsere Kritik an diesem Bericht vorrangig nicht gegen die Autor*innen, sondern gegen die Verantwortlichen in den betreffenden Redaktionen.