Sexismus in der Klimadebatte hat System

19.05.2026
Maximilian Arnhold

Luisa Neubauer wird geraten, auf ihre Attraktivität zu setzen. Das ist kein Einzelfall: Warum Berichterstattung über Klimaaktivistinnen immer wieder patriarchalen Mustern folgt – und wie wir ausbrechen.

Was tun, wenn Klimaschutz aus der Mode geraten scheint? So manch männlicher Redakteur findet offenbar, wenn die Politik nicht liefert, sollten die weiblichen Körper das Klima retten. „Sie könnten Ihre Attraktivität noch stärker fürs Klima in die Waagschale werfen“, riet der Journalist Timo Frasch der Klimaaktivistin Luisa Neubauer in einem Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) vor der UN-Klimakonferenz vergangenes Jahr in Brasilien.

 

„Klima-Shakira“ als Vorbild?

 

Der Satz reduziert Neubauers Engagement bei „Fridays for Future“ auf ihr Äußeres. Ähnlich erlebte es die Aktivistin Anja Windl von der ehemals „Letzten Generation“, die kürzlich zu acht Monaten bedingter Haft verurteilt und unter anderem von der Boulevardzeitung Bild jahrelang als „Klima-Shakira“ gelabelt wurde.

 

Frasch bezieht sich im Interview mit Neubauer darauf. Er fragt die Aktivistin, ob sie ein ähnliches Medien-Echo wie Windl befürchte, falls sie mehr auf „ihre Attraktivität“ setze. Und will von ihr wissen, was sie sich dabei gedacht hat, im Frühjahr 2025 in einem Kleid mit der Aufschrift „Hot, hotter, dead“ beim Berliner Presseball aufzutreten.

 

Neubauer reagierte im Gespräch höflich – „Freundliche Frage, danke.“ Später teilte sie den Ratschlag in ihrer Instagram-Story. In einer Rede auf dem Grünen-Parteitag Ende 2024 sagte die 30-Jährige: „Du bist eine junge Frau in der Politik? Dann ist dir nichts garantiert, außer dass du es garantiert falsch machst.“

 

Sexismus als Strategie in der Klimadebatte

 

Der übergriffige Tipp des Journalisten offenbart ein strukturelles Problem: „Sexismus in der Klimadebatte hat System“, erläutert die Politologin und Genderforscherin Mirjam Gruber in einem Blogpost. Klimaaktivismus sei oft weiblich oder werde als weiblich wahrgenommen. Doch das ernsthafte Anliegen und die Bemühungen würden trivialisiert und als lächerlich abgetan, sagt Gruber.

 

Das Problem: „Frauen, die sich gegen den Klimawandel engagieren, stellen eine Herausforderung für traditionelle Machtstrukturen dar.“ Klimaschutz-Maßnahmen bedrohten demnach das konservative und neoliberale Weltbild sowie die Fortführung des Patriarchats. So verwundert es kaum, dass neben Neubauer auch andere prominente Aktivistinnen, die an der Spitze unterschiedlicher Klima-Gruppierungen stehen oder standen – etwa Greta Thunberg, Carla Reemtsma oder Carla Hinrichs – ähnliche Erfahrungen machten.

 

Gruber hat erforscht, wie gezielt rechtsradikale Akteure Geschlechterstereotypen über Frauen in der Klimakommunikation einsetzen, um die Klimabewegung durch den Vorwurf der „Hysterie“ zu diffamieren – einem Begriff, der stark misogyn geprägt ist. Die rechtspopulistische österreichische FPÖ steigerte diese Abwertung noch um „Gretas Zöpferl-Diktatur“.

 

Ablenkung vom Klimawandel

 

Das Ziel der Kampagnen ist Gruber zufolge, die öffentliche Debatte zu prägen: „Indem man Klimaaktivistinnen sexistisch angreift, wird die Debatte vom eigentlichen Thema – dem Klimawandel und dessen Bewältigung – abgelenkt.“ Rechtspopulistische Parteien würden misogyne und sexistische Begriffe in ihrer Klimarhetorik auch ganz gezielt nutzen, weil sie um deren Potenzial zur Polarisierung wüssten: „Anstatt die Klimakrise zu diskutieren, wird das sexistische Verhalten selbst zum Thema.“

 

Journalist*innen sollten diese Versuche politischer Akteure konsequent enttarnen und einordnen, statt abschätzige Narrative (wie „Klima-Hysterie“) weiterzuverbreiten oder gar selbst stigmatisierende Bezeichnungen („Klima-Shakira“) in die Welt zu setzen. Und wer außer uns Medienschaffenden fragt die Aktivistinnen, wer sie sind, was sie warum wollen, an wen sie ihre Forderungen richten – und in welchem Machtkontext sie das tun?

"Klima-Shakira" vor Gericht. Screenshot von Weekend.at (13.05.2026)
So nicht: Das Weekend-Magazin in Österreich zum Prozess gegen Anja Windl (Screenshot 13.05.2026)

Redaktionen leiten meist Männer

 

Eine mögliche Erklärung für den falschen Fokus in der Berichterstattung über Klimaaktivistinnen könnte die geringe Gender-Vielfalt in Redaktionen sein. Nicht, weil Männer grundsätzlich sexistisch berichten, sondern weil eine einseitige Zusammensetzung von (Führungs-)Teams dazu führen kann, dass weibliche Perspektiven seltener berücksichtigt werden.

 

Laut einer Analyse des Vereins ProQuote Medien bleiben Journalistinnen in Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert. 2025 lag der Anteil von Chefinnen bei deutschen Leitmedien bei knapp 38 Prozent, bei Regionalmedien nur bei rund 21 Prozent. Die Zahlen begünstigen sexistische Ausfälle, entschuldigen sie aber keinesfalls.

 

Klimakrise und Patriarchat hängen zusammen

 

Dabei bieten Frauen in der Klimakrise genug Stoff für journalistische Geschichten mit Substanz. Denn für eine wirkungsvolle Klimapolitik ist der Schutz von Frauen zentral. Studien belegen: Mit Gleichstellung und Gerechtigkeit, etwa durch Bildungschancen und selbstbestimmte Familienplanung, sinken auch die Treibhausgase (Project Drawdown). 

Gleichzeitig sind Frauen stärker von den Folgen der Klimakrise betroffen. So ergab eine Auswertung von 130 Peer-Review-Studien, dass Frauen in 68 Prozent der Fälle stärker unter klimabedingten Gesundheitsauswirkungen leiden als Männer. Dazu zählen etwa Hitzestress, Schwangerschaftskomplikationen oder Infektionskrankheiten. In Hitzewellen steigt außerdem das Aggressionspotenzial messbar und mit ihm die tödliche Gewalt gegen Frauen um fast 29 Prozent. Journalist*innen sollten solche Fakten kennen und Zusammenhänge häufiger sichtbar machen.

 

Luisa Neubauer hat ihre Lehren aus der wiederkehrenden Berichterstattung zu ihrem Aussehen gezogen. „Ich habe sehr, sehr lange probiert, als Frau und Aktivistin so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten“, offenbart sie im Interview mit der FAS. Im Sommer 2024 habe sie bei einem Klimastreik zum ersten Mal eine kurze Hose getragen, obwohl es oft sehr heiß gewesen sei. Das sei absurd, denn sie könne es ohnehin nicht allen recht machen. Vorhalte, ihre Rhetorik sei rotzig und ihr Auftreten spaßbefreit, hätten mehr mit Klischees über Frauen und Aktivistinnen zu tun als mit ihrer Person. „Ich glaube, dass man einem Mann in meiner Position nicht Rotzigkeit vorwerfen würde, sondern Selbstbewusstsein attestieren.“

 

 

brandmelder fazit

 

Diese Schritte fördern eine (Klima-)Berichterstattung, die patriarchale Muster überwindet:


1. Vielfalt abbilden. Diversität in Redaktionen bis in Führungspositionen hinein verändert Themenwahl und Perspektiven, Workshops sorgen für Sensibilisierung.

 

2. Sprache reflektieren. Keine stereotype Zuschreibung oder Verniedlichung, kein Sexismus. Stattdessen präzise Begriffe für Personen und ihre Rollen verwenden.

 

3. Fokus auf Protest. Nicht das Aussehen der Klimaaktivistinnen gehört ins Zentrum der Berichterstattung, sondern ihre Beweggründe und Forderungen, eingebettet in den Kontext fossiler wirtschaftlicher und politischer Machtstrukturen.

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