Jahrestag der Ahrtalflut: Betroffenheit statt Kontext
Der fünfte Jahrestag der Flutkatastrophe vom 14. und 15. Juli 2021 war ein mediales Großereignis – eine Gelegenheit, die Klimakrise und das Versagen der Politik bei Klimaschutz und Klimavorsorge auf die Titelseiten zu bringen. Doch die Chance wurde vertan.
Die große Flut Mitte Juli 2021 war eine Zäsur. Erstmals schlugen die Folgen der Erderhitzung auch in Deutschland buchstäblich über Nacht zu. Mehr als 180 Menschen starben, Tausende verloren ihr Hab und Gut, die materiellen Schäden werden auf mehr als 40 Milliarden Euro geschätzt. Den meisten Beobachter*innen und Politiker*innen war klar, dass diese Katastrophe auch (klima-)politische Folgen haben müsste. Die damalige Bundeskanzlerin, Angela Merkel, sagte am 18. Juli 2021 bei einem Besuch in dem Krisengebiet: „Wir werden uns dieser Naturgewalt entgegenstemmen, kurzfristig, aber eben auch mittel- und langfristig. Durch eine Politik, die die Natur und das Klima mehr in Betracht zieht, als wir das in den letzten Jahren gemacht haben.“
Dieser Satz, dieses Versprechen war eine Steilvorlage für die unvermeidliche Berichterstattung zum fünften Jahrestag der Flut. Neben der Frage (und der bekannten Antwort) nach dem Warum, hätte auch die Frage, was in den letzten fünf Jahren getan wurde, um klimapolitische Konsequenzen aus der verheerenden Nacht zu ziehen, ein wesentlicher Bestandteil der Ahrtal-Berichterstattung sein müssen. Wir haben uns deshalb die Berichterstattung der deutschen Leitmedien und in der betroffenen Region anlässlich des fünften Jahrestages der Ahrtal-Flut genauer angeschaut – von ARD und ZDF über „Spiegel“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ), „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) und die Nachrichtenagentur dpa bis hin zu SWR und „Kölner Stadtanzeiger“ (KStA).
Die naheliegende Frage wird nicht gestellt
Das Ergebnis ist mehr als ernüchternd. Es wirkt, als hätten die Medienschaffenden weniger Merkels Diktum zum Maßstab genommen als die Aussage des damaligen CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet in einem WDR-Interview am 15. Juli 2021: „Weil jetzt ein solcher Tag ist, ändert man nicht seine Politik.“
Unter den rund 50 von uns gesichteten Publikationen – von der TV-Doku in Spielfilmlänge bis zum Kurzbeitrag im KStA – fanden sich gerade einmal fünf Beiträge, in denen die Klimakrise überhaupt erwähnt wurde: In der 90-minütigen ZDF-Doku „Ein Tag im Juli – Ahrtalflut 2021“ zum Beispiel war immerhin in der letzten Minute Angela Merkel zu sehen mit der oben zitierten Aussage. Doch die naheliegende Frage, was aus dem Merkelschen Versprechen geworden ist, wurde nicht gestellt. Ähnliches bei den vier anderen Beiträgen, in denen das „Klima“ immerhin an einer Stelle erwähnt wurde – mal hier ein Zitat, mal dort der in seiner Knappheit und Isolation wie ein Alibi wirkende Satz: „Mit dem Klimawandel nehmen Extremwetterereignisse zu.“
Unterwasser-Bilder aus dem KI-Labor
Ansonsten herrschte Betroffenheit. Viele Emotionen. Viele Tränen. Viele Zeitzeugen. Die waren bei den Reporter*innen dermaßen gefragt, dass manche gleich in mehreren Berichten unterschiedlicher Medien zu Wort kamen. Die Betroffenheit auf die Spitze trieben ARD und „Spiegel“. Sie schickten unmittelbar Betroffene als Autorinnen ins Feld. In der ARD-Doku „Allein in der Flut – Mein Vater und die tödliche Nacht im Ahrtal“ erzählt die Autorin – begleitet von viel gefühlvoller Musik und angsteinflößenden Unterwasser-Bildern aus dem KI-Labor – vom Tod ihres Vaters. Im „Spiegel“ berichtet die Autorin, „Wie die Katastrophe das Tal meiner Kindheit verändert hat“.
Fehlende Distanz als journalistisches Stilmittel ist in bestimmten Fällen durchaus erlaubt – nicht nur, weil es Quote und Abos generiert. Und handwerklich betrachtet, ist die ARD-Doku sehr gut gemacht. Allerdings sollte Betroffenheit nicht ausschließlich oder auch nur überwiegend die Berichterstattung prägen – so wie bei den ausgewerteten Beiträgen.
Immerhin: Kontext im „Tagesthemen“-Kommentar
Die ARD beispielsweise hatte am Abend des 13. Juli mit der erwähnten Doku und einer „Tagesthemen“-Sendung aus Ahrweiler einen Schwerpunkt zum Jahrestag der Flutkatastrophe. Mit den „Tagesthemen“ bestand die Chance, unmittelbar vor der emotionalen Doku den klimawissenschaftlichen und –politischen Kontext abzubilden. Doch in der 35-minütigen Sendung gab es zwar an zwei Stellen knappe Verweise auf die Klimakrise. Eine Thematisierung dieses Zusammenhangs fehlte jedoch genauso wie die Frage nach der Entwicklung der Klimapolitik in den vergangenen fünf Jahren. Über ein Live-Interview mit dem CDU-Bürgermeister von Altenahr ging die politische Dimension dieser Ausgabe nicht hinaus. Immerhin gab es in der „Tagesthemen“-Sendung tags darauf einen deutlichen Kommentar, in dem die Verbindung zwischen der Ahrtal-Katastrophe vor fünf Jahren und der fatalen Klimapolitik von heute hergestellt wurde.
Ein scheinbarer Lichtblick: Die FAZ widmete einen Flut-Kommentar dem Oberthema Klimakrise. Allerdings fordert der Autor die Politik ausdrücklich zur Abkehr von jeglicher Klimaschutz-Politik auf: „Eine von Alarmismus getriebene Klimapolitik, die glaubt, weit in die Zukunft planen und dirigieren zu können, raubt der Gegenwart die Mittel, den Mut und die Möglichkeiten, um eine vernünftige Vorsorge zu treffen.“
Hunderte Zeilen Text ohne das Wort „Klima“
Ansonsten fehlte bei allen ausgewerteten Medienberichten über die Ahrtalflut der klimapolitische und -wissenschaftliche Kontext. Zwar gab es über die allgegenwärtige Betroffenheitsreportage hinaus auch den einen oder anderen politischen Schlenker. Doch dabei ging es ausschließlich um Probleme bei Wiederaufbau und Katastrophenschutz. So hat zum Beispiel der SWR in seinem Dossier zur Ahrtalflut mehr als 20 aktuelle Beiträge – teils unter dem Hashtag #5JahreFlut – verlinkt. Ein an sich gut sortierter Überblick für das neben NRW am stärksten von der Flut betroffenen Bundesland Rheinland-Pfalz. Da geht es um persönliche Schicksale und Wiederaufbau, um juristische und politische Aufbereitung. Aber es findet sich kein einziger Beitrag, in dem der Zusammenhang mit der Klimakrise oder zu Klimapolitik thematisiert wird.
Ähnlich der „Kölner Stadtanzeiger“, eine der größten Regionalzeitungen in NRW, in deren Einzugsbereich zahlreiche damals betroffene Orte liegen. Am 14. Juli widmete sich das Blatt auf drei kompletten Zeitungsseiten und mit einem Kommentar der Katastrophe. Insgesamt fünf – teils sehr umfangreiche – Artikel. Unter den Hunderten Zeilen Text und fast zwei Dutzend Bildern taucht ein einziges Mal das Wort „Klima“ auf. In einem aktuellen Bericht über eine Gedenkstunde im Düsseldorfer Landtag zitiert der KStA Bundespräsident Steinmeier mit den Worten: „Wir dürfen den Klimaschutz nicht aus den Augen verlieren.“ Ansonsten geht es um Wiederaufbau, Versagen beim Katastrophenschutz und – wie überall und überwiegend – um große Emotionen.
Die Macht der Nachrichtenagenturen
Der KStA hatte gleich eine ganze seiner drei Zeitungsseiten mit zwei Artikeln von dpa gefüllt. Agenturen beliefern zahlreiche Medien nicht nur mit aktuellen Meldungen, sondern auch mit Hintergrundberichten und Korrespondenten-Beiträgen – auch und besonders zu solchen Großereignissen wie Jahrestagen. Da viele Zeitungen und Online-Portale die Agenturberichte mangels ausreichender eigener Reporter übernehmen, prägen dpa und andere Agenturen die Medienlandschaft stärker, als manchen Leser*innen bewusst ist.
Wir haben insgesamt zehn Hintergrund- und Korrespondentenberichte der dpa aus dem Zeitraum 28.6. bis 14.7.2026 genauer betrachtet. Als Stichworte, mit denen die Berichte überschrieben und im Agentursystem geordnet sind, taucht nie „Klima“, „Klimawandel“ oder „Klimakrise“ auf. Vielmehr heißt es in den Kopfzeilen der Meldungen meist „Hochwasser/Katastrophe/Unwetter/Wetter“. Entsprechend erschien auch in den Berichten selbst das Wort „Klima“ nur in einem einzigen der gesichteten Beiträge. Es ist eine Meldung vom 9.7.2026 im Wirtschaftsressort, in der es um wachsende wirtschaftliche Schäden durch Hochwasser geht. Dort heißt es zum Schluss: „Der weltweite Wasserkreislauf ist nach einem Bericht der Weltwetterorganisation aus dem vergangenen Jahr aus den Fugen geraten. Das führe dazu, dass viele Flüsse zu wenig oder zu viel Wasser führten. Hauptursache ist demnach der Klimawandel.“
Nicht allumfassend, aber aussagekräftig
Selbstverständlich handelt es sich bei unserer Analyse nicht um eine flächendeckende, repräsentative Studie über die Ahrtal-Berichterstattung. Um die komplette Berichterstattung sämtlicher relevanter Medien über den fünften Jahrestag der Ahrtal-Flut zu untersuchen, fehlen uns die finanziellen und personellen Ressourcen. Wir konnten weder alle ARD-Regionalsender, noch jegliche Hörfunkprogramme oder Lokalzeitungen auswerten. Auch tagesschau.de und andere Online-Plattformen konnten wir nicht einbeziehen. Wir haben uns deshalb auf die Hauptberichterstattung ausgewählter großer Publikumsmedien rund um den Jahrestag konzentriert.
Uns ist bewusst und bekannt, dass es auch Beispiele für eine gute, kontextualisierende Berichterstattung zur Ahrtalflut gibt. Für das Spektrum, das wir untersucht haben, können wir jedoch durchaus ein aussagekräftiges Fazit ableiten. Wir haben sowohl die Medien als auch die betreffenden Beiträge zeitlich so ausgewählt, dass die „Kernberichterstattung“ abgedeckt ist. Gestärkt wird die Aussagekraft der Analyse zudem durch das einheitliche Ergebnis: Unter den rund 50 gesichteten Beiträgen gab es keinen einzigen, der den Zusammenhang zwischen der Ahrtal-Flut und der Klimaveränderung auch nur ansatzweise thematisiert hätte.
Wie Fukushima ohne Atomkraft
Selbstverständlich sind bei einem Rückblick auf eine Katastrophe solchen Ausmaßes wie der Ahrtal-Flut Emotionen nicht nur erlaubt, sondern unumgänglich. Journalismus hat die Aufgabe, auch diese abzubilden. Problematisch wird es allerdings, wenn rationale, wissenschaftliche und vor allem politische Aspekte nahezu vollständig ausgeblendet werden. Über die Ahrtal-Flut zu berichten, ohne den menschengemachten Klimawandel zu erwähnen, ist so, als würde man über die Reaktorkatastrophe von Fukushima berichten, ohne auf die Atomkraft einzugehen.
Gerade in diesen Tagen, in denen Extremwetter in Form von Hitze Tausende Menschenleben forderte, wäre dieser Kontext unverzichtbar gewesen. Mit der Hitzewelle ereignete sich zum Jahrestag der Flutkatastrophe eine weitere Katastrophe, die dieselbe Ursache hatte.
Publikum mit den Ängsten allein gelassen
Auch vollkommen unabhängig davon: Es ist die Aufgabe von Medien und Journalismus, die tödlichen Extremwetterereignisse immer und immer wieder in den Zusammenhang mit deren Ursache, dem menschenverursachten Klimawandel zu stellen. Doch wie schon bei den Hitzekatastrophen dieses Jahres haben viele führende Medien auch bei der Berichterstattung anlässlich des Jahrestages der Ahrtal-Katastrophe ihre Verantwortung nicht wahrgenommen. Sie entkoppelten die Katastrophe von deren Ursachen und ließen das Publikum mit den erzeugten Ängsten allein. Zugleich ließen sie die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft mit ihren völlig unangemessenen Entscheidungen davonkommen. Das Sommerinterview mit Friedrich Merz im ZDF, in dem es keine einzige Frage zur Klimakrise gab, atmet genau diesen Ungeist.