Wie der NDR ein klimaneutrales Zollschiff erfand

07.07.2026
Hanno Böck

Eine Meldung des NDR legt geradezu Wundersames nahe: Ein Schiff mit Erdgasantrieb soll klimaneutral unterwegs sein.

„Klimaneutral unterwegs: Neues Schiff für Wilhelmshavener Zoll“ – so lautet die Überschrift einer Meldung auf der Webseite des Norddeutschen Rundfunks (NDR) vom 17. Juni. Doch wer den Text liest, dürfte sich wundern: Die „Friesland“, so der Name des neuen Zollschiffs, besitzt einen LNG-Antrieb.

 

Die Abkürzung LNG steht für Liquefied Natural Gas, also verflüssigtes Erdgas – ein fossiler Treibstoff, bei dessen Verbrennung zwangsläufig CO₂ entsteht. Eine wundersame Technik, die Erdgas klimaneutral verbrennt, besitzt das Schiff jedoch nicht.

 

In der Pressemitteilung des Zolls selbst heißt es lediglich: „Auch die Emission von Kohlenstoffdioxid liegt um bis zu 20 Prozent niedriger.“ Der Motor der „Friesland“ stößt demnach zwar geringfügig weniger CO₂ aus als ein klassischer Dieselantrieb, von „klimaneutral“ ist das jedoch weit entfernt.

 

Screenshot (www.ndr.de) vom 26. Juni 2026.

Wie kam es zu dieser Falschmeldung? Der Online-Artikel basiert auf einem Radiobeitrag des Senders NDR 1. Ein Korrespondent war demnach bei der Schiffstaufe vor Ort und interviewte den SPD-Bundestagsabgeordneten und Staatssekretär des Finanzministeriums Dennis Rohde. Die Aussage, dass das Schiff klimaneutral sei, stammte dabei direkt von Rohde.

 

Der NDR übernimmt diese Darstellung, ohne sie einzuordnen oder zu überprüfen. Stattdessen folgt im Radiobeitrag folgende Erläuterung: „(…) es fährt mit LNG-Gas und stößt laut Zoll keine Schwefeldioxide und deutlich weniger Stickoxide und Feinstaub aus als herkömmliche Dieselantriebe.“

 

Schwefeldioxide, Stickoxide und Feinstaub sind Luftschadstoffe. Mit der Klimabilanz eines Schiffes haben sie nur wenig zu tun. Natürlich ist es sinnvoll und wichtig, die Luftverschmutzung in der Schifffahrt zu reduzieren. Aber lokale Umweltverschmutzung und globale Klimaerhitzung sind zwei unterschiedliche Probleme. Wer sie vermischt, handelt journalistisch nachlässig.

 

Indirekte Emissionen nicht berücksichtigt

 

Wie steht es also tatsächlich um die Klimabilanz der Friesland? Auch die vom Zoll versprochene CO₂-Einsparung von „bis zu 20 Prozent“ erzählt nicht die ganze Geschichte. Speziell bei LNG-Antrieben kommt ein weiteres, weitaus potenteres Treibhausgas hinzu: Methan. Es ist der Hauptbestandteil von Erdgas. Dass bei der Verbrennung von verflüssigtem Erdgas ein Teil des Methans in die Atmosphäre entweicht, ist nicht vollständig vermeidbar. Fachleute sprechen vom sogenannten Methanschlupf.

 

Wie stark dieser ausfällt, hängt von der Art des Motors und anderen Faktoren ab. Im Fall der „Friesland“ dürften die Werte immerhin relativ niedrig liegen, da das Schiff vom Umweltbundesamt mit dem „Blauen Engel“ ausgezeichnet wurde, der direkte Methanemissionen berücksichtigt.

 

Sönke Diesener, Experte für klimaneutrale Schifffahrt beim NABU, erklärt auf Nachfrage, dass der „Blaue Engel“ nur vergeben wird, wenn die gesamten direkten Treibhausgasemissionen 15 Prozent niedriger als bei einem Schiff mit konventionellem Marinedieselöl-Motor liegen. Nicht berücksichtigt werden dabei jedoch die indirekten Emissionen, die etwa bei der Förderung oder dem Transport des LNGs entstehen.

 

Bessere Klimabilanz als ein Dieselschiff

 

Warum das Umweltbundesamt überhaupt noch Schiffe mit fossilen Antrieben als umweltfreundlich auszeichnet, wäre eine gute Ausgangsfrage für kritischen Journalismus gewesen. Ebenso die Technologien-Debatte: NABU-Experte Diesener geht davon aus, dass in diesem Fall ein Elektroantrieb mit aktueller Batterietechnologie schwer zu realisieren wäre, da ein derartiges Zollschiff relativ lange unterwegs sein kann. Um weitgehend klimaneutral unterwegs zu sein, müsste man wohl auf neue Schiffstreibstoffe wie beispielsweise erneuerbares Methanol setzen – die sind allerdings bislang kaum verfügbar.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen: Das neue Zollschiff reduziert die Luftverschmutzung und wird eine geringfügig bessere Klimabilanz als ein vergleichbares Dieselschiff haben. Mehr aber auch nicht.

 

All das wären spannende Themen für eine Berichterstattung gewesen, wenngleich vermutlich nicht für eine kurze Nachrichtenmeldung. Allerdings: grundlegende Fakten sollten natürlich auch bei Kurzmeldungen korrekt sein. Der NDR hat es hier versäumt, die Meldung einem Plausibilitäts- und Faktencheck zu unterziehen. Schon der Abgleich mit der Pressemitteilung des Zolls hätte geholfen.

 

Aus Emissionsreduktion wird “Klimaneutralität”

 

Der Fall zeigt auch ein grundlegendes Problem bei der Berichterstattung über Klimaschutzmaßnahmen und technische Lösungen: Nicht selten werden deren positive Auswirkungen massiv übertrieben. Aus vergleichsweise moderaten Emissionsreduktionen wird dann plötzlich „Klimaneutralität“. Ein häufiges Muster ist auch, dass bei lediglich geplanten oder versprochenen Emissionsreduktionen nicht deutlich wird, dass eine Umsetzung keineswegs sicher ist. Scheitern solche Maßnahmen später, findet das häufig kaum noch mediale Aufmerksamkeit.

 

Gerade deshalb genügt es nicht, Aussagen von Unternehmen, Behörden oder Politiker*innen zu übernehmen. Sie haben naturgemäß ein Interesse daran, die Vorteile ihrer Klimaschutzmaßnahmen hervorzuheben. Journalismus muss solche Behauptungen überprüfen, einordnen und widersprechen, wenn sie wissenschaftlich nicht haltbar sind. Genau darin liegt seine Aufgabe.

 

Wir haben den NDR auf den Sachverhalt hingewiesen und um eine Stellungnahme gebeten. Wir haben darauf jedoch keine Antwort erhalten und der Artikel wurde bislang (Stand: 06.07.2026) nicht korrigiert.

 

Hanno Böck ist freier Journalist und Autor eines englischsprachigen Newsletters über Industriedekarbonisierung. Dort sind alternative Schiffstreibstoffe und insbesondere erneuerbares Methanol regelmäßig Thema.

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