Friedrich Merz – Das Extrem-Sommer-Interview
Deutschland erlebt gerade den heißesten, trockensten, tödlichsten Sommer bislang. Wir schlagen vor, dass Markus Preiß und die ARD das für den 30. August geplante „Sommerinterview“ mit dem Kanzler zum „Extrem-Sommer-Interview“ machen. Monothematisch – zur Klimakrise, ihren Ursachen, Folgen und Gegenmaßnahmen.
Dieser Sommer zeigt unmissverständlich, welche Folgen die fortschreitende Klimakrise für Deutschland längst hat: Mindestens 14.000 Menschen sind infolge der Hitze bis zum 9. August 2026 gestorben, meldet das RKI. Und während Deutschlands größten Flüsse austrocknen, mehrere Atomkraftwerke ihre Leistung drosseln oder Reaktoren ganz abschalten müssen, der Bauernverband vor massiven Ernteausfällen warnt, aktuelle Berichte zur Lage der Grundwasservorkommen einen alarmierenden Trend aufzeigen und Nordrhein Westfalen einen beispiellosen Waldbrand erlebt – während also Menschen, Umwelt, Wirtschaft und Landwirtschaft unter der katastrophalen Hitze ächzen, gibt das Kanzleramt bekannt:
Friedrich Merz bleibt noch eine Woche länger im Urlaub.
Erst nachdem das Schlimmste vorbei war, besuchte Merz am Samstag die Feuerwehr bei Hürtgenwald/NRW.
Wir schlagen deshalb vor, das für den 30. August anstehende „Sommerinterview“ der ARD mit Friedrich Merz aus gegebenem Anlass zum „Extrem-Sommer-Interview“ zu machen – monothematisch zur Klimakrise, zu Hitze, Dürre, Flächenbränden und der Ursache dafür und für das, was noch kommt. Das klingt vielleicht extrem, aber wir halten das für angemessen. Nicht nur, weil dieser Sommer so extrem ist, sondern auch weil das Verhalten von Merz extrem ist! Er schweigt seit zwei Monaten zu der größten Katastrophe, die Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg und der Corona-Pandemie erlebt hat. Da braucht es Raum und Zeit, um endlich den Kanzler zur Rede zu stellen.
Wir haben uns erlaubt, schon mal einige Fragen auszuformulieren, die der Kollege Preiß dem Kanzler in diesem Extrem-Sommer-Interview stellen könnte:
Was haben Sie „beobachtet“, Herr Merz?
Herr Bundeskanzler, am 15. Juli fragte Malte Kreutzfeld (TableMedia) Sie in der Bundespressekonferenz, warum Sie sich bis dahin noch nicht öffentlich zu den dato mehr als 5.000 Hitzetoten und den Belastungen der Hilfskräfte geäußert haben. Sie antworteten damals wörtlich: „Wir beobachten die Lage sehr genau. Es gibt verschiedenste Äußerungen aus den Reihen der Bundesregierung dazu. Und ich werde selbstverständlich in den nächsten Tagen und Wochen, wenn sich diese Wetterentwicklung fortsetzt, die Lage weiter beobachten und gegebenenfalls dazu auch öffentlich etwas sagen.“ Bekanntlich hat sie sich fortgesetzt. Was haben Sie beobachtet?
Sind über 14.000 Hitzetote nicht Anlass genug?
Bis heute hielten Sie es nicht für „gegeben“, öffentlich etwas dazu zu sagen. Sind mehr als 14.000 Hitzetote, eine dramatische Dürre mit Waldbränden und Niedrigwasser auf unseren wichtigsten Wasserstraßen für Sie nicht Anlass genug, sich öffentlich zu äußern?
Klimaanpassung ins Grundgesetz?
Inzwischen gibt es eine rege Debatte über unter anderem die Finanzierung und Stärkung von Klimaanpassungsmaßnahmen. Umweltminister Schneider von der SPD schlägt vor, Klimaanpassung als gemeinschaftliche Aufgabe von Bund, Ländern und Gemeinden ins Grundgesetz zu schreiben. Viele haben sich in diese Debatte eingebracht, auch Politiker*innen aus der CDU. Nur Sie nicht, der Bundeskanzler und Vorsitzende der CDU. Warum nicht? Haben Sie dazu keine Meinung?
Wo bleibt Ihr „Gummistiefel-Moment“?
Krisen und Katastrophen sind ja – so zynisch das klingt – oft auch Gelegenheiten für Politiker*innen, sich zu profilieren oder auch zu inszenieren. Man denke an den berühmten „Gummistiefel-Moment“ von Gerhard Schröder im Sommer 2002. Da soll sein Besuch in den Flutgebieten an der Elbe entscheidend für den Sieg der SPD bei der Bundestagswahl im Oktober 2002 gewesen sein. Angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen und der schlechten Umfragewerte für Sie persönlich und für die CDU: Warum haben Sie so lange gezögert, Betroffene dieses Katastrophensommers zu besuchen – etwa medizinisches Personal in einer Notaufnahme oder die Bewohner*innen eines Pflegeheims?
Mit Klimaschutz die AfD stellen?
In einer Woche (6. September) wird in Sachsen-Anhalt gewählt. In den Umfragen liegt die AfD bei über 40 Prozent. Auch Werte für die sogenannte „Sonntagsfrage“ sehen die AfD vorne. Sie, Herr Bundeskanzler, haben vor der letzten Bundestagswahl den Menschen versprochen, die AfD zu halbieren. Mit der Klimapolitik hätten Sie doch einen gewichtigen Hebel in der Hand, die AfD zu stellen. Die Rechtsaußenpartei hält den menschengemachten Klimawandel für eine Erfindung, will Klimaanpassung und Klimaschutz zurückfahren. Auf der anderen Seite erleben die Menschen gerade hautnah, was Klimawandel bedeutet. 80 Prozent der Bürger*innen sehen ihn als eine Bedrohung. Da könnten Sie doch mit einer konsequenten Klimaschutz- und Klimaanpassungspolitik aus der Position des mit der nötigen Macht ausgestatteten Bundeskanzlers Flagge zeigen und die AfD als menschenfeindlich entlarven. Der Ball liegt auf dem Elfmeter-Punkt. Warum schießen Sie nicht?
Zeit für die „Klima-Zeitenwende“?
Als im Februar 2022 Putins Truppen ihre Vollinvasion in der Ukraine starteten, sprach der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz in einer vielbeachteten Regierungserklärung von einer Zeitenwende und kündigte einen 100 Milliarden Euro schweren Sonderkredit an, auch „Sondervermögen“ genannt. Der Überfall auf die Ukraine sei eine Bedrohung für ganz Europa, so die Begründung von Olaf Scholz. Heute erleben wir, dass auch der menschengemachte Klimawandel eine ernsthafte Bedrohung für Gesundheit, Leben, Wohlstand und Demokratie ist. Man könnte also mit Blick auf diesen Sommer von einer „Klima-Zeitenwende“ sprechen – schon allein wegen der mehr als 12.ooo Hitzetoten. Wäre es nicht angebracht, spätestens jetzt entsprechend zu reagieren und zum Beispiel ein „Sondervermögen Klimaanpassung“ aufzulegen?
Haben Sie mit Kemfert und Edenhofer gesprochen?
Ich könnte Sie jetzt zum Abschluss fragen, wie groß das verbliebene CO2-Budget Deutschlands unter Vorgabe des sogenannten 2-Grad-Ziels ist. Damit kann man bekanntlich Politiker*innen schnell ins Schwitzen bringen. Aber Sie sind Politiker, kein Klimawissenschaftler. Und es gibt zahlreiche Fachleute, die Sie im Fall der Fälle beraten können. Etwa Claudia Kemfert, Energieökonomin beim DIW und Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen; Ottmar Edenhofer, Direktor und Chef-Ökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung; Stefan Rahmstorf, Leiter der Abteilung für Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung oder Friederike Otto, Physikerin und Klimatologin im Bereich der Attributionsforschung. Mit welchen dieser oder anderen Klimawissenschaftler*innen haben Sie in den letzten acht bis zehn Wochen gesprochen?
Dieser Katastrophen-Sommer wird zum Zeitpunkt des Merz-Interviews in der ARD bereits drei Monate andauern, er wird Tausende Menschen das Leben gekostet, die Wirtschaft und die Landwirtschaft vor enorme Herausforderungen gestellt und von Hilfskräften wie Sanitäter*innen, Feuerwehrleuten, Pfleger*innen und anderen enorme Leistungen abverlangt haben. Nach solchen, harten drei Monaten kann und muss der Kanzler wenigstens in diesen 30 Minuten sein Klimaschweigen brechen und mit der Realität und seiner Verantwortung in Sachen Klimakrise konfrontiert werden.
Sie haben es in der Hand, Kollege Preiß.