100 Millionen Dollar für Koalas – und dann?
Während der verheerenden „Black Summer“-Buschfeuer 2019/2020 rückten deutsche Medien Australiens Wildtierschutz in den Fokus. Millionen wurden - auch mit Hilfe der Medien - gespendet. Aber was wurde aus dem Geld?
Brennende Eukalyptuswälder, verkohlte Koalas, Kängurus mit bandagierten Pfoten: Es waren Bilder von enormer Wirkungskraft, die die Berichterstattung während der „Black Summer“-Buschfeuer in Australien in den Jahren 2019 und 2020 prägten.
Prominente wie Barack Obama, Lewis Hamilton und Ellen DeGeneres riefen zu Spenden auf. Medien berichteten weltweit. Viele Redaktionen gingen dabei über die reine Berichterstattung hinaus und veröffentlichten Spendenhinweise, wie Betroffene am besten unterstützt werden könnten. Millionenbeträge aus aller Welt flossen nach Australien, insbesondere in die Wildtierrettung.
Jahre nach der Brandkatastrophe stellt sich eine Frage, die auch in den deutschen Medien kaum gestellt wird: Was ist aus dem Geld geworden – und wie steht es um den Wildtierschutz im Land? Denn in Australien wird darüber inzwischen heftig debattiert. Der Fall wirft ein Schlaglicht darauf, was schiefläuft, wenn Medien Katastrophen nur punktuell aufgreifen und die Themen schnell wieder aus dem medialen Fokus verschwinden.
Anhaltende Not bei der Wildtierrettung
Mehr als 100 Millionen australische Dollar (rund 61 Millionen Euro) gingen damals allein an eine einzige Organisation: den NSW Wildlife Rescue and Education Service, kurz WIRES. Vor den Bränden war die NGO vor allem im Bundesstaat New South Wales(NSW) aktiv und verwaltete Einnahmen von rund drei Millionen Dollar pro Jahr. Binnen kurzer Zeit wurde das Spendenbudget mehr als verdreißigfacht. Auch aus Deutschland floss viel Geld an diese Organisation.
Der plötzliche Geldsegen ließ jedoch Ärger hochkochen: Schon 2022 gab es erste Kritik von Tierschützer*innen und -pfleger*innen, dass ein Großteil der Spendengelder nicht dort ankomme, wo akute Hilfe benötigt werde. Ende 2021 lagen laut damaligen Finanzunterlagen noch rund 77,3 Millionen australische Dollar im sogenannten Notfallfonds. Laut einem Artikel des „Sydney Morning Herald“ (SMH) von März 2026 sollen weiterhin rund 60 Millionen Dollar aus dem Buschfeuer-Fonds übrig sein. Konflikte im Inneren der Organisation über die Verwendung der Gelder und die interne Führungsstruktur eskalierten zuletzt und führten bis vor den höchsten Gerichtshof des Bundesstaates.
Ob die Summe im Vergleich zu anderen Organisationen, die binnen kurzer Zeit ein Vielfaches ihres üblichen Budgets einnehmen, ungewöhnlich hoch ist, lässt sich schwer beurteilen – auffällig ist es angesichts der anhaltenden Not bei der Wildtierrettung im Land allemal. Die NSW-Grünen-Politikerin Sue Higginson bezeichnete den Umgang mit den Geldern als „massive verpasste Chance“. Ihr zufolge hätte damit der gesamte Sektor transformiert werden können. „Das richtige Geld zur richtigen Zeit in den falschen Händen“, so Higginson.
Die meisten Helfer arbeiten ehrenamtlich
WIRES weist die Vorwürfe zurück. Die Organisation argumentiert, die Buschfeuer-Spenden seien nie als kurzfristiger Rettungsfonds gedacht gewesen, sondern als Grundlage langfristiger Wildtierhilfe für mehrjährige Programme vorgesehen. „Keine einzelne Organisation kann einen gesamten Sektor grundlegend transformieren“, erklärte WIRES-Geschäftsführerin Leanne Taylor dem „SMH“. Dafür benötige es koordinierte staatliche Politik, langfristige Finanzierung und wirksamen Lebensraumschutz.
Während der Brände ging die Bevölkerung davon aus, dass Wildtiere gerettet und wieder aufgepäppelt würden. Die meisten Helfer sind jedoch Freiwillige, die enorm viel Zeit, Geld und Energie in die Pflege der Tiere investieren – und nicht für ihre Arbeit bezahlt werden. In solchen Extremsituationen arbeiten viele Retter am Limit, und viele Tiere haben selbst nach einer Rettung nur geringe Überlebenschancen.
Die australische Senatorin Sarah Hanson-Young von den Grünen warnte jüngst vor einer Umweltkrise, die heimische Wildtiere gefährde – darunter den Koala, der vom Aussterben bedroht ist. „Wildtierrettungsdienste im ganzen Land kämpfen darum, ihre Türen offen zu halten. Diese wichtigen Dienste sind seit viel zu langer Zeit unterfinanziert“, so Hanson-Young. Gruppen aus vier Bundesstaaten haben sich inzwischen zusammengetan und fordern von der Regierung in Canberra eine bundesweit koordinierte Struktur und gesicherte nationale Finanzierung für den Wildtierschutz.
Einzelschicksale erzeugen Aufmerksamkeit
Für Journalist*innen zeigt sich anhand des Falls, wie komplex die Lage vor Ort sein kann und welche Verantwortung Medien bei der Berichterstattung über Katastrophen in anderen Teilen der Welt tragen. Das beginnt schon dort, wo Bilder um die Welt gehen und Redaktionen entscheiden müssen, was sie damit machen. Emotionale Bilder und starke Einzelschicksale erzeugen enorme Aufmerksamkeit – das haben wir zuletzt auch beim Ostseewal „Timmy“ erlebt. Aber sollten Medien in solchen Fällen überhaupt pauschal Spendenempfehlungen geben – und wenn ja, auf welcher Grundlage? Darüber sollte zumindest diskutiert werden.
Auch für die Verwendung von Spendengeldern aus Deutschland in entfernten Weltregionen gelten Transparenzrichtlinien und institutionelle Prüfverfahren. Doch diese greifen offenbar nicht immer, vor allem dann, wenn die Lage unübersichtlich ist.
Während der australischen Buschfeuer empfahl das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) in einer Spendeninformation unter anderem Spenden an WIRES. Darin war auch angegeben, dass die aufgeführten australischen Spendenempfänger vom DZI nicht in vollem Umfang anhand seiner üblichen Bewertungsstandards kontrolliert werden konnten. Burkhard Wilke vom DZI warnte in einem Interview vor überstürzten Spenden: In der Vergangenheit habe es Fälle gegeben, bei denen Organisationen an der Überforderung mit ungeplanten Einnahmen zerbrochen seien. Auch den Zusammenhang mit der Klimakrise benannte er. Nicht einzelne Katastrophen, sondern das große Ganze müsse im Fokus stehen, so Wilke.
Grenzen der Empfehlungen aufzeigen
Angesprochen auf die Kritik an WIRES im Jahr 2022, räumte Wilke später ein, keine direkten Kontakte zu Organisationen vor Ort gehabt zu haben. Dennoch habe das DZI sich angesichts der hohen Spendenbereitschaft in Deutschland entschieden, eine Empfehlung ohne Spendensiegel herauszugeben.
In der akuten Phase der Buschfeuer übernahmen viele deutsche Redaktionen jedoch die Spendenempfehlungen, ohne dabei den einschränkenden Hinweis des DZI aufzugreifen. Immerhin: Einige wenige Artikel zitierten Wilke mit seinen Bedenken. Quer durch die Medienlandschaft – von Tageszeitungen über reichweitenstarke Online-Portale – erschienen unter Überschriften wie „So können Sie jetzt helfen“ nahezu identische Auflistungen der gleichen Organisationen. Teils wurden die millionenschweren Spendenaufrufe prominenter Unterstützer*innen ungeprüft übernommen. Einordnungen zu den Problemen bei der Wildtierrettung in Australien oder anderen Faktoren, die australische Wildtiere systematisch bedrohen, fehlten.
Medien nutzen das DZI als verlässliche Quelle, weil dessen Struktur ein hohes Maß an Transparenz bietet. Dennoch sollten Redaktionen, die ihren Leser*innen Orientierung bieten wollen, auch die Grenzen solcher Empfehlungen aufzeigen. Die Frage nach dem genauen Kontext, in dem die Katastrophe stattfindet und was langfristig benötigt wird, darf zudem nicht vergessen werden. Ein kurzer Blick in die sozialen Medien oder auf die Webseite einer Charity reicht da nicht für eine Entscheidung.
Dranbleiben und eingehender informieren
Ein strukturierterer Ansatz findet sich etwa bei der ARD-„Tagesschau“, die auf einer zentralen Spendenseite dauerhaft Hilfsangebote für Naturkatastrophen weltweit bündelt – unabhängig von einzelnen Nachrichtenwellen. Das durchbricht zumindest teilweise die Logik des Nachrichtenzyklus, löst die Frage nach Prüftiefe und Einordnung aber nicht grundsätzlich.
Beuteltiere in Australien sind nicht nur durch einzelne Katastrophen bedroht. Wälder werden gerodet, Lebensräume verschwinden. Die fossile Industrie bedroht seltene Arten, eingeschleppte Tiere dezimieren die heimische Fauna. In Australien brennt es jedes Jahr – und jedes Jahr sterben unzählige Tiere in den Feuern. Die Klimakrise macht solche Ereignisse wahrscheinlicher und intensiver: die Jahrhundertfluten in New South Wales 2022, zuletzt der schwere Zyklon „Narelle“ im März 2026. Oft zeigt sich ein ähnliches Bild: verendete Tiere, überforderte Helfer*innen, fehlende Unterstützung. Daran haben die millionenschweren Spenden für die Wildtierrettung bislang nur vereinzelt etwas geändert. Wenn Medien jedoch dranbleiben und eingehender informieren, kann sich etwas bewegen: dass öffentlicher Druck entsteht und Politiker*innen handeln müssen, damit sich an den tieferliegenden Ursachen etwas ändert.