Warum Klimajournalismus mehr braucht als Mut
20 Jahre ORF, Wirtschaftsressort, Millionenpublikum – und dann der Ausstieg. Nadja Hahn wollte Klimajournalismus strukturell im größten Medienhaus Österreichs verankern. Warum das nicht gelungen ist – und warum der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen Kulturwandel braucht.
Jetzt gibt es also in Deutschland die brandmelder. „Gut“, habe ich mir gedacht, als ich das auf LinkedIn gesehen habe. Dann hat der gut geölte journalistische Zynismus eingesetzt. „Das sind die nächsten Idealisten, die auf die Schnauze fallen“, zischt es durch meinen Kopf. Es ist ja auch Teil meiner Geschichte als ehemalige Wirtschafts- und Klimajournalistin beim ORF. Aber es ist nur der Anfang meiner Geschichte.
„Zynismus ist kein guter Ratgeber“, sage ich mir und verlasse mich auf meinen inneren Kompass. Der sagt mir schon lange, dass Klimaveränderungen zu den größten Storys unserer Zeit gehören. Denn die verändern alles. Für immer. Es geht um Systemwandel. Das fasziniert mich. Deshalb will ich darüber berichten. Deshalb starte ich etwas Neues. Aber der Reihe nach.
„Journalist*innen dürfen sich nicht durch den Aktivismus-Vorwurf davon abhalten lassen, Klartext zu reden“, lese ich bei brandmelder. „Ja, aber es ist viel komplizierter“, denke ich mir und poste eine knappe Antwort über meine Erfahrungen beim ORF. Deshalb gibt es jetzt diesen Artikel. Ich will keine Abrechnung mit dem ORF. Ich möchte Verständnis für den Systemwandel schaffen, den es auch in großen Medienhäusern braucht.
Die Entdeckung des wichtigsten Themas unserer Zeit
2005, in meinem ersten Jahr beim ORF, werde ich für die Radio-Information zum ersten Mal auf eine COP geschickt, den Klimagipfel der Vereinten Nationen. Ich spreche zwar fließend Englisch, aber ich bin im Dickicht der Diplomatensprache verloren. An dieser Stelle bedanke ich mich beim Klimaökonomen Stefan Schleicher in Wien, der mir damals alles geduldig erklärt. Die Diplomatie, die Wissenschaft, die Wirtschaft und das Nichtgesagte zwischen den Zeilen. Ich ahne: Das Thema ist richtig groß. Ich grabe mich zunehmend in die Gesetzestexte ein und gehe den vermeintlich langweiligsten Themen nach, wie Raumordnung, Energieeffizienzgesetz oder Emissionszertifikatehandel.
Man muss schon ziemlich kreativ sein, diese Themen im aktuellen Dienst unterzubringen. Ich bleibe dran. Zum Ärger vieler österreichischer Umweltminister, die damals alle von der konservativen ÖVP waren und eigentlich eher an Landwirtschaft als am Klima interessiert sind. Der Wirtschaftspartei ÖVP sind meine Nachfragen im öffentlich-rechtlichen Radio nicht immer recht. Plötzlich berichtet „die Hahn“ über die Einnahmen durch den Tanktourismus in Österreich und fragt, ob das wichtiger sei als der Klimaschutz. Ich erinnere mich gut an dieses Interview und den Blick des Ministers.
Immer wieder berichte ich von COPs. Ein kurzes Aufflackern des Themas zum Jahresende. Immerhin schickt mich der ORF und bezahlt die Reise. Dazwischen kämpfe ich oft darum, Klimathemen unterzubringen. Mit dem Rückenwind der „Fridays for Future“-Bewegung schaffen es die Grünen wieder ins österreichische Parlament. Das Thema bekommt Aufwind. Aber nur kurz.
Ich bewerbe mich für den Online-Klimajournalismus-Lehrgang am renommierten Reuters Institut an der Universität Oxford, dem Oxford Climate Journalism Network. Ein halbes Jahr lang halten Expert*innen aus der ganzen Welt tolle Vorträge über Wissenschaft, Wirtschaft, Desinformation, Psychologie. Ich trage das Wissen über Scope3 & Co in die Redaktion. Ich lerne, dass andere Journalist*innen in anderen Teilen der Welt die gleichen Probleme haben. Der Lehrgang beflügelt und gibt Halt.
Die Klima-Taskforce: Ein Reformversuch
Ich bin im Wirtschaftsressort des aktuellen Dienstes und liefere Beiträge für alle ORF Radiosender, sowie die „Zeit im Bild“. Ein Millionenpublikum. Der ORF hat gerade erst Radio, TV und Online an einem Standort vereint. „Machen wir Klima zu einem Leuchtturmprojekt für multimediales Arbeiten“, schlage ich vor. „Zeigen wir, warum es Sinn macht, dass wir jetzt zusammenarbeiten.“ Ich erstelle ein Konzept für eine „Klima-Taskforce“ mit Mitgliedern aus allen Ressorts und allen drei Medien.
Meine Idee: In jedem Ressort soll eine Person sein, die sich mit dem Thema auskennt. Von Innenpolitik bis Sport, von Wirtschaft bis Kultur. Weil „Klima“ kein Thema nur für die Wissenschaft und das Wetter ist. Deshalb soll es auch kein „Klimaressort“ sein. Denn dann könnte man das Thema wieder an ein paar Personen auslagern. Das halte ich nicht für sinnvoll. Ich schlage vor, dass zumindest in der gemeinsamen Wochensitzung immer jemand sitzt, der die Klimakrise bei jedem Thema mitdenkt . Klimakrise sei wie Corona, alle müssen es verstehen und dazulernen, weil es alle Bereiche betrifft, argumentiere ich. Aber es ist nicht wie Corona, lerne ich. In der Pandemie wussten wir anfangs alle, dass wir nichts wussten. Beim Klima wissen viele noch immer nicht, was sie nicht wissen. Weil das Thema schon so lange da ist.
Ich will die „Klima Taskforce“ koordinieren, in Abstimmung mit allen Ressortleiter*innen. Ich verteile also mein Konzept unter den Chefredakteur*innen im neuen multimedialen Newsroom. Man hört mir geduldig zu, sagt, es werde schwierig und dann passiert nichts.
Ich ergreife also allein die Initiative. Ich kenne alle Redakteur*innen, die sich für das Thema interessieren. In der Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, beim Wetter, im TV, im Radio und Online. Ich starte eine WhatsApp-Gruppe und einen Emailverteiler. Ich buche einmal in der Woche einen Raum für eine informelle Sitzung. Wir informieren uns über wichtige Termine, erzählen von unseren Recherchen, tauschen Kontakte aus und planen gemeinsame Geschichten. Unsere Ideen werden in Redaktionssitzungen getragen. Man lässt mich. Aber nach und nach kommen die Leute nicht mehr. Sie haben keine Zeit, müssen andere Geschichten machen. Ohne Rückenwind von den Chefs geht uns die Luft aus.
In Österreich formiert sich das Netzwerk Klimajournalismus Österreich und fragt, ob der ORF einen Klima-Kodex unterschreibt und sich zu den Zielen bekennt. Wieder hört man zu, sagt, dass der ORF seinen eigenen Regeln folgt. Der ORF hat außerdem eine Nachhaltigkeitsbeauftragte, macht „Mutter-Erde“-Schwerpunkte und holt sich später sogar einen wissenschaftlichen Beirat. Aber im aktuellen Dienst, wo täglich ein Millionenpublikum erreicht wird, soll Klima kein Schwerpunkt sein. Obwohl Österreich immer heißer wird, die Winter schneeloser und der Frühling, wie jetzt, viel zu trocken ist. Auch die Desinformation treibt in Österreich ihre Blüten und manchmal schaffen es irreführende Narrative sogar ins Programm. Weil nicht in jeder Redaktion das Wissen vorhanden ist, um sowas zu verhindern.
Als ich beschließe, den ORF zu verlassen
Ich werde inzwischen 50 Jahre alt und stelle mir die Sinnfrage. Wie soll meine Karriere weitergehen? Ich habe einen gut bezahlten Job, einen guten Ruf und bin eine tägliche Stimme im nationalen Radio. Das gefällt mir. Ich bin schon 20 Jahre beim ORF und will meine Arbeit jetzt auf die Klimakrise fokussieren. Aber man braucht mich für die Routinedienste im Wirtschaftsressort. Die langweilen mich. Die politische Stimmung in Österreich kippt wieder nach rechts, die Klimaberichterstattung verliert an Bedeutung. Im Medienmagazin #Doublecheck des Radiosenders Ö1 berichte ich darüber, dass viele Klimajournalist*innen dem Vorwurf ausgesetzt sind, Aktivismus zu betreiben. Ein Killerargument, um ihre Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen.
Ich versuche es im Frühjahr 2024 trotzdem noch mal mit meiner Idee bei der Chefredakteurin und pralle ab. Wir hätten genug Klimaberichterstattung, heißt es, wir müssten vorsichtig sein, und wir würden das doch mit keinem anderen Thema machen. „Ich kenne den Unterschied zwischen Aktivismus und Journalismus“, sage ich. Ich solle doch einfach weiter meine bisherige Arbeit machen, sagt die Chefredakteurin schließlich. Das ist mir zu wenig. Ich möchte meine Expertise und meine Vision umsetzen, aber das ist nicht gewollt. Ich sehe keine Chance mehr, mich abseits meines Routine-Jobs weiterzuentwickeln. Deshalb ist das der Moment, an dem ich beschließe, nach 20 Jahren den ORF zu verlassen.
Natürlich habe ich das zuerst persönlich genommen. Aber ich habe damals angefangen, mich mit Systemwandel zu beschäftigen. Ich habe neben der Arbeit bei der philanthropischen Organisation Ashoka einen Kurs über Sozialunternehmertum gemacht. Das hat mir wieder die Augen geöffnet. Dafür, wie Systeme funktionieren und wie meine Rolle darin ist. Ich habe verstanden, dass nicht ich als Person gescheitert bin, sondern, dass ich am System gescheitert bin.
Diagnose Systemerhalt: Warum Strukturen den Wandel blockieren
Ich habe gelernt, dass Systeme in erster Linie ein Interesse haben, weiter zu bestehen. Strukturen zu erhalten. Sendungen müssen gefüllt werden. Das Sparprogramm lässt die Redaktionen schrumpfen. Für Neues ist kein Platz. Meine Idee hätte die bestehende Struktur verändert. Davon hätte niemand profitiert. Meine Idee hätte niemandem Status gebracht. Auch nicht Zugehörigkeit. Ganz im Gegenteil.
Viele Kolleg*innen oder Führungskräfte dürften auch befürchtet haben, dass die strukturelle Verankerung der Klimakrise in Redaktion und Programm als politische Position gelesen wird. Die Wissenschaft sagt zwar klar, dass die Krise real, menschengemacht und dringlich ist. Guter Journalismus muss berichten, was ist. Aber journalistische Kulturen sind darauf trainiert, Distanz zu halten. Gerade öffentlich-rechtliche Medien stehen unter Druck, weil sie ständig dem Vorwurf ausgesetzt sind, „ideologisch“ zu sein. Im ORF ist diese Debatte besonders aufgeladen, immer wieder gibt es Debatten über politische Einflussnahme und Ausgewogenheit.
Also hat der Wille gefehlt. Leider leistet das genau jenen Vorschub, die die Klimadebatte als Ideologie framen. Die Klima-Taskforce hätte verschoben, was als relevant erachtet wird. Mein Vorschlag war offenbar für die meisten Entscheider*innen im ORF eine Zumutung.
Hätte ich etwas anders machen können? Vermutlich. Vielleicht habe ich zu schnell zu groß gedacht, habe zu viele redaktionelle Grundsätze auf einmal in Frage gestellt: „Wir sind neutral.“ „Wir sind keine Aktivisten.“ „Wir machen Nachrichten.“ „Wir missionieren nicht.“ Vielleicht hätte ich langsam kleine Erfolge sammeln sollen, multimediale Projekte, nach und nach. Nicht sagen: „Klima muss wichtiger werden“, sondern „Gute Journalist*innen denken Klima automatisch mit“.
Systemisch könnte Folgendes passiert sein: Das Thema wurde möglicherweise personalisiert, nach dem Motto: „Nadja will mehr Klima.“ Mir hat ein Netzwerk an Unterstützer*innen gefehlt. Ich habe zwar Verbündete im Haus gesucht. Ich habe auch vorgeschlagen, Vorbilder aus dem Ausland einzuladen. Aber das war zu wenig. Ich hatte keine Allianzen. Es gab keinen Druck von außen, die Reputation stand nicht auf dem Spiel. Für niemanden.
Der ORF hat ja auch schon einige Journalist*innen, die stark für das Thema auftreten. Aber mein Vorschlag wäre eben über diese „Personenmarken“ hinausgegangen und hätte an den Strukturen angesetzt. Um sicherzugehen, dass das Thema nicht an Personen und ihren Verfügbarkeiten hängt. Diese Notwendigkeit wurde nicht gesehen.
Es gibt noch keinen Kulturwandel. Viele Journalist*innen scheuen sich vor dem Thema. Sie wissen, dass es komplex und konfliktbeladen ist, haben Angst, Fehler zu machen. Sie wissen, dass sie angegriffen, als „Aktivist*innen“ verunglimpft und als Journalist*innen delegitimiert werden. Sie wissen, dass mit Klimajournalismus momentan im ORF nichts zu gewinnen ist.
Ich war ungeduldig, ich wollte Antworten – jetzt und nicht später. Ich wollte mich nicht über bestehende Hierarchien hinwegsetzen, das habe ich klar kommuniziert. Aber ich wollte eine neue Rolle einnehmen. Das wollten meine Chefs nicht.
Wer, wenn nicht der ORF?
Nein, „das Klima“ ist kein Thema wie jedes andere. Die Veränderungen durch die Erderhitzung betreffen jeden Lebensbereich und sind schwerwiegend. Es reicht daher nicht, dass sich ein paar Wissenschafts- oder Wetterredakteur*innen damit beschäftigen. Wer sich nicht genug auskennt, kann nicht einordnen und kann nicht nachfragen. Es braucht daher Schulungen in allen Redaktionen. Wie ich von den Vortragenden in Oxford lerne, ist die Chefredaktion da nicht ausgenommen. Erst wenn die Dringlichkeit auch in der Chefetage erkannt ist, kann die systematische Anpassung in den Redaktionen folgen. Die Klimakrise ist keine Angelegenheit für Einzelkämpfer – das gilt auch für Medien. Klimawissenschaftler*innen empfehlen das schon lange.
Meine Kolleg*innen und ich haben schon viel richtig gemacht. Wir haben erste multimediale Projekte geplant und umgesetzt. Wir wollten als inoffizielle Klima-Taskforce Erfolge vorweisen. Die wurden aber nicht ausreichend wahrgenommen und wurden von Vorgesetzten auch nicht beworben. Ich sehe, dass einige Kolleg*innen den Weg trotzdem weitergehen. Mit Rückenwind von „ganz Oben“ ließe sich schneller mehr erreichen.
Ich mache mich jetzt selbstständig und werde unter anderem einen Podcast namens „Full Circle“ starten. Es geht um Kreislaufwirtschaft. Ich interviewe in jeder Folge Unternehmer und Unternehmerinnen, die neue Lösungen ausprobieren, wie sie mit weniger Ressourcen auskommen und diese länger im Kreis halten. Weil das wirtschaftlich sinnvoll ist. Es sind auch immer Experten oder Expertinnen dabei, die nachhaken. Ich will eine ehrliche Debatte über neue Wege und neue Geschäftsmodelle, Fehltritte inklusive. Die positiven Folgen für Umwelt und Klima ergeben sich von ganz allein, ohne Moralkeule. Die Gespräche sollen informieren, inspirieren und eine Community schaffen, die den Systemwandel in der Wirtschaft vorantreiben will.
Jetzt bin ich Unternehmerin und meine eigene Chefin. Die Macht der kleinen Erfolge und der Widerstand großer Systeme werden mich weiter beschäftigen. Kleine Medienprojekte wie meines können den kulturellen Wandel beschleunigen, ohne den große Veränderungen nicht möglich sind. Daran glaube ich.
Woran ich auch noch immer glaube: dass gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk die Berichterstattung über die Klimakrise strukturell breiter aufstellen muss. Wer, wenn nicht der ORF? Wer wird später mal dafür geradestehen, dass über die Ursachen und Verantwortlichen der Klimakrise, über die vorhersehbaren Auswirkungen und die möglichen Lösungswege zu wenig informiert wurde? Aber Umsetzung und Timing meiner Idee haben offenbar nicht gestimmt. Vielleicht kommt das noch. Viele kulturelle Veränderungen werden zuerst abgewehrt, dann verspottet, dann langsam übernommen und später als selbstverständlich betrachtet.
Nadja Hahns neuer Podcast „Full Circle. Wege in die Wirtschaft von morgen“ startet am 18. Mai 2026.