Energie

Wenn der „Experte“ ein Geschäftspartner der Regierung ist

16.03.2026
Jürgen Döschner

In den Tagesthemen verteidigt Energieökonom Lion Hirth die Solarpolitik von Katherina Reiche – seine Geschäftsbeziehung zu ihrem Ministerium bleibt unerwähnt.

Wer ein umstrittenes politisches Vorhaben erklären will, hat mehrere Möglichkeiten: Man kann eine Befürworterin befragen, einen erklärten Gegner, eine neutrale Person vom Fach – oder die Regierung selbst. Entscheidend ist dabei nur: das Publikum muss wissen, in welcher Rolle eine Person spricht.

 

Transparenz ist kein Nice-to-have, sondern eine Grundvoraussetzung für guten Journalismus. Nur wenn klar ist, welche Interessen oder Verbindungen ein Interviewgast hat, können Zuschauer*innen seine Aussagen einordnen.

 

Wie problematisch es wird, wenn diese Einordnung fehlt, zeigte sich in den ARD-Tagesthemen am 27. Februar.

In einem der Beiträge ging es um ein politisch brisantes Thema: die Pläne von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, die Einspeisevergütung für private Solaranlagen komplett zu streichen.

 

Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen für Energiewende, Strommarkt und Millionen privater Anlagenbetreiber*innen. Der Bedeutung des Themas angemessen, widmete die Sendung dem Thema gleich zu Beginn viel Raum. Nach einer soliden Einführung durch Moderator Ingo Zamperoni folgte ein Korrespondentenbeitrag zur aktuellen Rechtslage und den Reformplänen der Ministerin.

 

Anschließend kam der Experte zu Wort: der Energieökonom Lion Hirth.

 

In dem rund sechsminütigen Gespräch argumentierte Hirth durchgehend im Sinne der Reformpläne der Bundeswirtschaftsministerin. Seine zentrale Argumentation: Strom aus großen Solarparks sei deutlich günstiger als aus Dachanlagen – deshalb sei es sinnvoll, künftig vor allem diese zu fördern.

 

Eine legitime Position. Entscheidend ist jedoch: Wer äußert sie – und aus welcher Perspektive?

Zamperoni stellt seinen Interviewgast so vor: 

 

„Professor für Energiepolitik an der Hertie School Berlin, der auch verschiedene Unternehmen und Institutionen berät – unter anderem auch das Bundeswirtschaftsministerium.“ 

 

Der Hinweis klingt harmlos. Für viele Zuschauer dürfte er sogar ein Qualitätsmerkmal sein: ein Wissenschaftler, der Ministerien berät, das macht schon Eindruck. 

 

Was das Publikum allerdings nicht erfährt: Lion Hirth ist nicht nur Wissenschaftler – sondern auch Unternehmer. 

Hirth ist Gründer und Geschäftsführer der Berliner Beratungsfirma Neon Neue Energieökonomik GmbH. Und über ebendieses Unternehmen besteht eine enge, millionenschwere Geschäftsbeziehung zum Bundeswirtschaftsministerium.

 

Auf der Webseite der Firma heißt es wörtlich:

Unser langjähriger Hauptkunde ist das Bundeswirtschaftsministerium“

 

Nach eigenen Angaben hat Neon seit 2014 mehr als hundert Projekte umgesetzt – darunter Vorhaben mit Millionenbudgets aus dem Ministerium.

 

Für ein Unternehmen mit fünf Mitarbeitenden (Stand 2024, Quelle: NorthData) bedeutet das eine ziemlich starke wirtschaftliche Abhängigkeit. 

Vor diesem Hintergrund bekommt der Tagesthemen-Auftritt eine andere Dimension: Ein Unternehmer, dessen Firma umfangreiche Aufträge von einem Ministerium erhält, unterstützt in der Hauptnachrichtensendung eines öffentlich-rechtlichen Senders ein politisches Vorhaben genau dieses Ministeriums.

Dass diese Beziehung im Interview nicht transparent gemacht wird, ist ein großes Problem.

Die Redaktion hat hier zwei entscheidende Fehler begangen: Der erste lag bereits in der Auswahl des Gesprächspartners. Der zweite wiegt noch wesentlich schwerer: Die Redaktion ließ das Publikum über die kommerzielle Verbindung zwischen Interviewgast und Ministerium im Unklaren.

Den Zuschauer*innen fehlte damit eine für die Einordnung der Aussagen des Experten entscheidende Information.

Hinzu kam eine auffallend zurückhaltende Gesprächsführung.  Schwachpunkte in Hirths Argumentation blieben unangesprochen – etwa zur Rolle von Eigenverbrauch, zur Entlastung der Netze durch dezentrale Anlagen oder zur Versorgungssicherheit durch verteilte Stromproduktion. Gerade bei einem Gast mit klarer Position wäre eine kritischere Einordnung journalistisch geboten gewesen.

Fazit

 

Wir unterstellen Lion Hirth weder Lobbyismus noch mangelnde Kompetenz. Zweifel an seiner Unabhängigkeit sind angesichts der engen wirtschaftlichen Beziehung seines Unternehmens zum Bundeswirtschaftsministerium jedoch naheliegend. Genau deshalb hätte diese Verbindung im Interview transparent gemacht werden müssen.

 

Ob die Redaktion der Tagesthemen diese Hintergründe nicht kannte oder ihre Bedeutung unterschätzt hat, lässt sich von außen nicht beurteilen. Auf unsere Anfragen hat der für die Tagesthemen zuständige NDR nicht geantwortet. Sicher ist nur: Ohne diese Information konnten viele Zuschauer*innen den Auftritt des Experten kaum angemessen einordnen. 

Gerade in komplexen politischen Debatten gilt: Ein Wissenschaftler ist nicht automatisch ein neutraler Beobachter. Neben fachlicher Expertise spielen auch institutionelle Rollen, wirtschaftliche Beziehungen und mögliche Interessenkonflikte eine Rolle.

brandmelder-Redaktionsleiter Jürgen Döschner
Ein Artikel von Jürgen Döschner

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